Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
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Ein Land erfindet seine Mörder

Maj Sjöwall
Autorin Maj Sjöwall
Schweden und die Krimi-Schwemme oder warum zumindest die Kommissare in den Romanen meist an Depressionen leiden...
Stockholm , im Mai 2002


Sie schlug ihre Stammkneipe vor, den „Pelikan“ in der Blekingegatan im Stockholmer Stadtteil Södermalm. Dort könne man ungestört reden. Und dann meinte sie noch, dass sie dem Reporter vielleicht gar nicht helfen könne.
„Verbrechen interessieren mich nicht mehr“, sagte sie. „Vielleicht müssen Sie Ihre Frage selbst beantworten.“ Dann legte sie den Hörer auf.

Warum werden in Schweden so viele Krimis geschrieben? 50 bis 60 Autoren werfen jedes Jahr ihre Bücher auf den Markt – das ist, im Verhältnis zu den 8,9 Millionen Einwohnern des Landes, Weltrekord.

Maj Sjöwall ist gewissermaßen die Urmutter der schwedischen Krimi-Verfasser. Mit ihrem Mann Per Wahlöö hat sie in den sechziger und siebziger Jahren die berühmten Martin-Beck-Romane geschrieben. Maj Sjöwall kommt in den „Pelikan“. Ihr Händedruck ist fest, aber sie sieht abgekämpft aus.Sjöwall, 66, arbeitet noch,
sie ist Übersetzerin. Die Verleger wünschen, dass sie Kriminalromane übersetzt. „Sie denken, die Krimis verkaufen sich besser, wenn mein Name im Buch steht“, sagt Maj Sjöwall.
Sie seufzt. Es passt ihr nicht, dass es immer nur um Geld geht, und dass man sich verkaufen muss. Sie denkt noch wie vor 30 Jahren.
Maj Sjöwall und Per Wahlöö, der 1975 gestorben ist, schrieben zwischen 1965 und 1975 zehn Krimis, in denen sie den Staat und die Gesellschaft und – weil sie Kommunisten waren – vor allem den Kapitalismus kritisierten.

Sie kämpften für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit. Sie prangerten an, dass die Polizei personell schlecht ausgestattet sei.
Sie stellten einen Polizisten und sein Privatleben in den Mittelpunkt: Martin Beck. Alles zusammen bedeutete das eine Revolution im Genre Krimi. Schweden galt damals als Musterstaat. Die Menschen schienen bestens abgesichert, und das ganze Land wurde „Volksheim“ genannt. Aber Sjöwall und Wahlöö hielten das bloß für Fassade.
„Der Kapitalismus war damals schon stärker als der Sozialismus“, sagt Maj Sjöwall, „es gab Armut, und auf der anderen Seite gab es viele Reiche.“ Heute sei es noch bedeutend schlimmer. Jetzt seien die Sozialdemokraten „nur noch das Spielzeug der Kapitalisten“. Aber sie mag nicht mehr darüber schreiben. Zu langweilig. Zu traurig. Zu aussichtslos.
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Dafür schreiben jetzt Andere. Warum nur werden in Schweden so viele Krimis geschrieben? Maj Sjöwall hat sich ein Glas Milch und ein Omelett bestellt. Sie stochert darin herum. Denkt nach.
Dann sagt sie: „Viele Autoren haben gesehen, dass man Krimis schreiben kann und gleichzeitig über die Gesellschaft und die Zeit, in der man lebt. Sie ahmen uns nach.“ Sie nimmt einen Schluck Milch. „Aber das ist nicht der Hauptgrund, warum sie Krimis schreiben. Der Hauptgrund ist: Sie haben gesehen, dass man damit reich werden kann.“ Kriminalschriftstellerei ist ein großes Geschäft geworden. Sjöwall und Wahlöö haben die Leute infiziert, und Henning Mankell hat das Krimi-Fieber später neu entfacht. Nicht nur in Schweden. „Der Markt in Deutschland ist sehr, sehr wichtig“, sagt Maj Sjöwall.
Die Deutschen greifen fast hysterisch zu, wenn sie Mankell oder Marklund hören – oder irgendeinen Namen mit dem schwedischen „son“ am Ende. Angebot und Nachfrage schaukeln sich hoch, und die Verleger, die Autoren und alle, die mit Literatur und ihrer Vermarktung zu tun haben, beuten die Goldgrube aus. Ein Beispiel: Bis Mitte der neunziger Jahre gab es keine schwedische Kriminalautorin außer Sjöwall. Da hat eine schwedische Krimi-Zeitschrift kurzerhand einen Preis für den besten Thriller einer Frau gestiftet. Liza Marklund gewann mit ihrem Buch „Der Bomber“. Knapp 300000 Exemplare wurden binnen kurzer Zeit in Schweden verkauft – das entspräche einer Auflage von drei Millionen in Deutschland. Gewöhnlich aber bewegen sich die Auflagen schwedischer Krimis zwischen 3000 und 30000 Exemplaren.

Eine Axt im Kreuz. Solche Erfolge führen dazu, dass viele anfangen zu schreiben – und dass Belletristik-Autoren ins Kriminalfach wechseln. Aber viele Verfasser verderben die Qualität. Ulf Örnklo ist Krimi-Experte beim schwedischen Rundfunk und meint, dass „die meisten Krimis nicht herausgegeben werden sollten.“ Von den 50 bis 60 Titeln, die jährlich publiziert werden, seien „20 bis 25 lesbar und nur zwölf sehr gut.“ Eine mäßige Quote, aber die Verlage drucken eben, was gekauft wird – etwa 60 Prozent der Bücher, die auf den Markt kommen, sind Krimis. „Ein sehr schlechter Krimi wird immer noch mehr gelesen als eine sehr gute Gedichtsammlung“, so Örnklo.

Der Verlag, bei dem Mankell seine Bücher herausbringt, hat im vergangenen Jahr 1000 Buch-Manuskripte bekommen – meist stammen sie von Journalisten oder Lehrern, die sich berufen fühlen, Krimis zu schreiben. Viele kopieren die Sjöwalls und Wahlöös und Mankells und deren Kritik an der Gesellschaft. Und sie kopieren den Typ des Kommissars. Bei Sjöwall/Wahlöö war es Martin Beck: ein depressiver Mann. Bei Henning Mankell ist es Kurt Wallander: ein depressiver Mann. Und so leiden viele Ermittler in vielen Krimis an sich und an der Welt. „Die Leute machen schon Witze“, erzählt Maj Sjöwall, „sie sagen: Offenbar sind alle Polizisten in Schweden magenkrank, haben Eheprobleme und sind depressiv.“ Könnte es sein, dass Schweden unter langen, dunklen Jahreszeiten leiden und generell eher zu depressiven Stimmungen neigen? Dass sie sich deswegen zum Schreiben und Lesen düsterer Kriminalromane hingezogen fühlen? „Entschuldigen Sie, sagt Radio-Experte Örnklo, „aber das ist Spekulation.“ Die geschilderten Verbrechen jedenfalls sind meist ganz schrecklich. Bei Mankell werden die Leute skalpiert, man schlägt ihnen eine Axt ins Kreuz, man zieht ihnen die Haut vom Gesicht. Das kommt in Schweden in der Realität eher selten vor. „Wir haben damals auch etwas übertrieben“, räumt Maj Sjöwall ein, „aber vor allem dann, wenn es darum ging, die Geheimpolizei oder die Richter etwas dümmer darzustellen als sie waren.“ Doch die Beschreibung der maroden Gesellschaft, darauf besteht sie, „die war sehr realistisch“. Sjöwall und Wahlöö, sagt Ulf Örnklo, hätten damals so sehr gegen den Staat opponiert, dass sie keine Steuern zahlten, sich öffentlich betranken und überhaupt derart daneben benahmen, dass sie aus Restaurants geflogen seien.

Maj SjöwallSie habe diese Zeit sehr genossen, sagt Maj Sjöwall. Die Bücher seien in „herrlichen, langen Sommernächten“ entstanden.

„Wir haben unsere Kinder auf den Bauernhof geschickt und zwei Monate lang nur geschrieben.“ Man muss sich das so vorstellen: Maj Sjöwall und Per Wahlöö saßen sich an einem Tisch gegenüber und schrieben mit Bleistiften ihre kriminellen Eingebungen nieder. Sie redeten wenig. Am anderen Tag tauschten sie die Manuskripte aus und tippten sie in die Schreibmaschine: Maj das Skript von Per, Per das Skript von Maj.
Natürlich ging dem Schreiben eine Monate dauernde Recherche voraus. Zwar war Wahlöö Polizeireporter, aber das reichte nicht aus, um das Innenleben der Polizeistellen zu sezieren. Manchmal griffen die Autoren zu den Mitteln ihrer Romanfiguren, um an Informationen zu kommen. „Wir gingen auf die Polizeistation, und wenn die Polizisten im Kaffeeraum waren, haben wir schnell die Betriebszeitung oder andere Info-Papiere gestohlen.“ Maj Sjöwall lächelt. „Wir wussten also viele Interna, und die Polizisten haben später immer gesagt, dass sie erstaunt waren, wie realistisch wir ihre Arbeit beschrieben haben.“

Maj Sjöwall liest in ihrer Freizeit kaum noch Krimis. Anfangs mochte sie Mankell, aber später, sagt sie, habe er sich häufig wiederholt. Trotzdem kommen immer wieder Krimis in Haus. „Henning Mankell und andere Autoren haben mir ihre Bücher geschickt“, erzählt Maj Sjöwall. „Und da haben sie dann hinein geschrieben: Danke für die Inspiration.“


Buchtipp
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Ärgert es sie, dass sie so oft kopiert wurden? Maj Sjöwall schaut in ihr Milchglas. Sie schüttelt den Kopf. „Nein, es ärgert mich nicht“, sagt sie, „aber es ist schon ein bisschen bitter, dass sie heute so viel Geld mit den Krimis verdienen. Unsere Verträge waren damals überhaupt nicht gut.“ Maj Sjöwall ist nicht reich geworden.

„Eher das Gegenteil,“ sagt sie. „Manchmal habe ich Probleme, meine Miete zu bezahlen.“

Gerhard Fischer
Vielen Dank für die Veröffentlichungserlaubnis.
© Süddeutsche Zeitung vom 17.05.2002
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