Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
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Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
 
Arne Dahl - Sieben minus eins

Die Mischung macht's

Ein Spaziergang durch Stockholm zeigt: Ohne Städteplaner geht vieles besser

Die Stockholmer haben genug von Planungswut und supermoderner Architektur. Und finden sogar am Wildwuchs Gefallen!
Ausgerechnet in dem Jahr, da ganz Europa auf die Kulturhauptstadt schaut.
Übrigens, einer hat das Malheur der Städteplaner vorhergesehen: Kommissar Beck.

Januar in Stockholm. Endlich gehen die ganz dunklen Wochen vorüber, die Tage, an denen eine morgendliche blütenweiße Schneeschicht sich vormittags in eine grauschwarze, klatschnasse Pampe und abends in eine spiegelglatte Rutschfläche verwandelt. Jetzt nimmt der Winter die schwedische Hauptstadt voll in den Griff. Die großen Wasserflächen, die diese Inselstadt durchziehen, verwandeln sich in weite Schnee- und Eisfelder. Zwar besitzt die niedrige Sonne nur fahle Leuchtkraft, doch der Schnee reflektiert um so stärker die vielen Lichter der Großstadt.
Auch für Kommissar Beck würden nun wohl bessere Zeiten anbrechen.
Überwunden hätte er den zweiten Schnupfen der Saison, der ihn an seine Wohnung in Gamla Stan, der Stockholmer Altstadt, gefesselt hätte. Nun würden ihm die glasklare Winterluft und die frischen Brisen, die vom Meer her in die Stadt wehen, Erleichterung bringen. Martin Beck wäre inzwischen Mitte 70 und pensionierter Cheffahnder der Reichsmordkommission. Als alter Fuchs würde er das Jagen jedoch nie ganz aufgeben können. Sicher würde er sich alte Akten nach Hause holen und in ungeklärten Mordfällen herumstöbern. Vor allem hätte ihn all die Jahre hindurch der vermeintliche Dilettantismus beschämt, mit dem nach dem Mörder Olof Palmes gesucht und vermutlich der wahre Hintergrund der Tat, die Schweden erschüttert hat, verschleiert wird. Daß nun schon wieder der bereits einmal verurteilte und einmal freigesprochene Outlaw Christer Pettersson als Mörder vorgeführt wird, daß dafür die Ermittler vier bislang unbekannte Zeugen, die zwölf Jahre lang "aus Angst" geschwiegen hatten, aus dem Hut zauberten - das alles würde einen Martin Beck kaum überzeugen können. Von Beck selbst allerdings fehlt seit Mitte der siebziger Jahre jede Spur.

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Damals vollendete das Schriftstellerpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö kurz vor Wahlöös Tod den letzten von zehn Kriminalromanen, in denen Kommissar Beck die Hauptrolle spielte. In den beiden letzten Folgen zeichnete sich ab, daß es Beck wohl nicht mehr lange im Dienst halten würde. Die Lust war weg, verdrängt durch Routine und Ärger. Zudem hatte sich der Polizeiapparat gewandelt: Becks Typ war nicht mehr gefragt. Lennart Kollberg, sein bester Kollege, hatte die Brocken schon frustriert hingeschmissen. Die Zukunft gehörte den Gunvald Larssons, den handfesten Polizisten, die mit der Faust, nicht mit dem Kopf ermittelten.

Der Wandel im Erscheinungsbild der Stockholmer Polizei, den die Krimiautoren so präzise beschrieben, war paradigmatisch: Die schwedische Gesellschaft, im europäischen Vergleich eine friedliche Idylle, veränderte sich immer deutlicher. Die Atmosphäre wurde rauher. Was bislang undenkbar war, wurde möglich - sogar der Mord an einem Ministerpräsidenten. Das alles ließen damals, Mitte der siebziger Jahre, Sjöwall und Wahlöö ihren Kommissar ahnen. Sie brauchten nur aus dem Fenster zu schauen. Die Veränderungen, die das gemütliche Volksheim Schweden in einen wirtschaftlich und sozial anfälligen, also in einen ganz normalen Staat am Außenrand Europas verwandelten, waren auf der Bühne der Stadt Stockholm zu beobachten. Dieses Jahr ist sie europäische Kulturhauptstadt. Die Stadt selbst und ihre Metamorphosen ist eines der Hauptthemen des Kulturjahres. "Wenn Sie sich heute die City von Stockholm anschauen, dann bekommen Sie den Eindruck, daß hier ein Krieg gewütet hat." Das sagt Magnus Andersson, Sekretär im Stadtplanungsamt. Er ist ein Planer der jüngeren Generation, der sich kritisch mit den Fehlern der vergangenen Jahrzehnte auseinandersetzt.
Die zugige, unwirtliche Innenstadt zwischen Hauptbahnhof und dem zentralen Platz Sergels Torg, einst ein dichtes Altstadtviertel, ist entvölkert. Obwohl Stockholm nie die Zerstörungen eines Krieges erfahren hat, gibt es in der City nur noch wenige Gebäude, die älter als 40 Jahre alt sind. Große Büro- und Warenhäuser haben die Mietshäuser verdrängt. Breite Verkehrsschneisen durchziehen die Stadt, die sich über die Inseln an der Mündung des Mälarsees in die Ostsee erstreckt. Sie sind über spektakuläre Brücken miteinander verbunden, auf denen der Autoverkehr Vorfahrt hat. Das ist das Werk von Stadtplanern der sechziger Jahre. Von der Politik großzügig unterstützt, konnten sie ihren Traum von der totalen Modernisierung weitgehend verwirklichen. Strikte Trennung von Wohn- und Arbeitsort, Beschleunigung der Straßen, dazu der Bau von einer Million Wohnungen im Acht-Millionen-Reich innerhalb von zehn Jahren und vor allem an den Rändern der Großstädte - kein Ziel schien zu groß. Die Radikalität der Planungen faszinierte weltweit, begründete den Ruf Stockholms als eine der Metropolen der Moderne schlechthin, erschien mit den Jahren aber immer fragwürdiger.
Fünf Trompetenstöße für die Moderne sollten sie sein, die fünf Bürohochhäuser am Anfang von Sveavägen im Herzen der Stadt. Für die Häuser wurde ein ganzes Altstadtquartier rasiert. Zugleich entstand die erste Fußgängerzone Nordeuropas, für alle Stockholm-Besucher bis weit in die siebziger Jahre ein Faszinosum.

Eine Betonschlucht durchschneidet die Stadt

Ein weiteres Symbol für die Grenzenlosigkeit der damaligen Veränderungswut ist die Autobahn, die in einer Betonschlucht zwischen den Inseln Gamla Stan und Riddarholmen das historische Zentrum der Stadt durchschneidet. Parallel verläuft die Eisenbahnzufahrt zum Hauptbahnhof. So rollt der Verkehr in breitem Strom quer durch eines der schönsten Stadtpanoramen, die Europa zu bieten hat. Es waren die Jahre des "human engineering". Der schwedische Sozialstaat entwickelte sich zu voller Blüte. Allen Bürgern versprach er vollständige Absicherung von der Wiege bis zur Bahre. Das erforderte genaue Planung und Unterwerfung des einzelnen unter das, was sich die Planer ausdachten. Im Mai 1971 bekam das Bild erste Risse. Mitten in den zentralen Park Kungsträdgården wollten die Planer breit und satt einen Zugang zur Tunnelbana, der U-Bahn, klotzen. Das war für viele dann doch zu herbe. Einige Stockholmer ketteten sich an die alten Ulmen, die dem Neubau weichen sollten. So etwas hatte die Stadt noch nicht gesehen.


Buchtipp
Camilla Läckberg - Die Schneelöwin

Auch Kommissar Beck ließen Sjöwall und Wahlöö am eigenen Leib miterleben, was die mit Verve betriebene Modernität für den einzelnen bedeutete. Als typische Kleinfamilie lebte er mit Frau, Tochter und Sohn mehr oder weniger unglücklich in Skärmarbrink, einer jener Satellitenstädte, die damals im Jahrestakt entlang der Tunnelbana-Linien aus dem Boden gestampft wurden. Im Lauf der Zeit entfremdete sich Beck von seiner Frau, bis er es eines Tages nicht mehr aushielt. Auf heftiges Zuraten seiner Tochter zog er aus und nahm sich die Wohnung in Gamla Stan.
Mit der Reichsmordkommission mußte er irgendwann Anfang der Siebziger in das hypermoderne Polizeidirektionsgebäude auf Kungsholmen umziehen. Vom ersten Tag an haßte Beck diese Büromaschine aus Stahl und Beton, bei der alles auf Funktionalität und nichts aufs Wohlgefühl abzielt. Die Undurchdringlichkeit dieses Gebäudes symbolisiert zugleich die neuen Methoden der schwedischen Polizei, so wie sie Sjöwall/Wahlöö geschildert haben: Überwachung, Absicherung des ganzen Landes mit Hilfe des Computers.

Hundert Sprachen in einer einzigen Schule

Das Verhältnis von Mensch und Natur möchten die Stadtplaner ebenso positiv beeinflussen wie das von Mensch und Mensch. Ein Schreckwort lautet Segregation, das Verdrängen ethnischer oder sozialer Minderheiten in die jeweiligen Ghettos. Ein extremes Beispiel ist der Vorort Rinkeby, in dem 90 Prozent der Bewohner Einwanderer sind; in der dortigen Volksschule werden 100 Sprachen gesprochen. Zugleich muß die schwedische Gesellschaft, die seit Jahren in der Wirtschaftskrise steckt, anerkennen, daß auch sie nicht frei von Rassismus ist.

"Wir wollen mehr als früher darauf achten, daß überall eine bessere Mischung entsteht", sagt Magnus Andersson. Noch vor 30 Jahren galt die räumliche Trennung von Wohnung, Arbeitsplatz, Einkaufszentrum als Ideal. Jetzt wollen die Stadtplaner neben die Hochhäuser der Großsiedlungen niedrige Villen setzen und in den reinen Schlafstädten Betriebe ansiedeln.
"Ich glaube, daß die Generation, die 30 Jahre jünger ist als wir, eine ganz andere Mentalität besitzt. Die lassen sich nicht reinlegen. Sie stellen die Dinge in Frage, sind kritischer als meine Generation."
Das sagt Maj Sjöwall, inzwischen 62 Jahre alt.

Sie selber zählt sich zu den ersten, die begannen, das Handeln der Behörden und Autoritäten zu hinterfragen. Schweden, so meint sie, habe eine paternalistische Tradition. Woher das kommt, das vermag sie selbst nicht richtig zu sagen. Aber die Dinge sind in Bewegung, sie habe die Hoffnung auf Besserung, die sie unter anderem von ihren eigenen Kindern und Enkeln beziehe. Sie selbst lebt weiterhin als freie Übersetzerin und Gelegenheitsjournalistin. Lust zum Schreiben, so sagt Maj Sjöwall, habe sie noch immer, es fehlten aber die Ambitionen. Kein Wunder, wer einmal den Kriminalroman revolutioniert hat, der hat seine Schuldigkeit getan. "Jetzt bin ich eher faul und schlafe aus, wenn ich es möchte. Aus der Öffentlichkeit halte ich mich nach Möglichkeit heraus."
Dem Kulturjahr 1998 sieht die Autorin mit Skepsis entgegen. Es würden nun Aktionen lauthals verkündet, die ohnehin stattgefunden hätten. Die Stadt würde aufpoliert - "aber eigentlich zahlen wir doch Steuern, damit so etwas ständig gemacht wird". Ganz anders sieht es naturgemäß Jan Sandquist, Informationschef der Aktiengesellschaft "Kulturhauptstadt 1998". Der polyglotte ältere Herr sitzt mitten im quirligen Hauptquartier, einem barocken Gebäude am Kungsträdgård, und dirigiert Anfragen aus aller Welt mit Eleganz und Ruhe. Immer wieder scheint es, als könne er die Dimensionen, die das Kulturjahr angenommen hat, selbst nicht fassen. "1000 Veranstaltungen umfaßt unser Katalog", betont er mehrmals und läßt sich die Zahl auf der Zunge zergehen.
Stockholm, am Jahresbeginn 1998. Exkommissar Beck würde der Trubel um die Kulturhauptstadt wohl eher nur am Rande interessieren. Stockholm ist für ihn ganz selbstverständlich die Stadt, für ihn, der sein Stockholm liebt und manchmal haßt, wie es eben nur jemand lieben und hassen kann, der hier sein Leben verbracht und tiefe Wurzeln geschlagen hat. Wenn wir uns genug Zeit nehmen würden, wenn wir in Ruhe über die Kopfsteinpflaster von Gamla Stan schlenderten oder die steilen Abhänge in Söder- oder Norrmalm hinauf- oder hinabrutschten, dann würde er vielleicht irgendwann vor uns quer über die Straße laufen: Martin Beck im verknautschten Regenmantel, vielleicht mit einer vergilbten Aktenmappe unterm Arm, vielleicht in Begleitung eines Hundes, vielleicht auch an einem der vielen Küstenpfade Stockholms, versonnen auf eines der vielen alten Schiffe blickend, die das langsam wachsende Eis nun für einige Monate ans Ufer fesselt.

Autor: Johannes Wendland
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