Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
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Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
 
Arne Dahl - Sieben minus eins
Hier können Sie Probelesen in einem Buch des Autors Leif Davidsen.
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Die guten Schwestern
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Gebundene Ausgabe
576 Seiten
Zsolnay Verlag
Erscheinungsdatum:
Februar 2004
ISBN: 3552052895
Übersetzung:
Peter Urban-Halle

Kurzbeschreibung

Teddy Pedersen wird mit schlimmen Wahrheiten konfrontiert: der Vater war bei der Waffen-SS, seine Schwester Irma ist als mutmaßliche Stasi-Agentin "Edelweiß" verhaftet worden, und einer seiner Reisegefährten, den man offenbar für Teddy hielt, wird ermordet. Der neue Davidsen: ein spannender und menschlich bewegender Roman um gespenstische Gedächtnisrituale, enttarnte Stasi-Agenten und osteuropäische Mafia-Methoden, der auf die brisanten politischen Fragen der Gegenwart zielt.

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Leseprobe

Fritz merkte, daß ich zu ihm hinschielte, als wir durch die schmale Tür in eine niedrige Stube traten. Ich fühlte Zorn in mir aufsteigen. Weniger über die augenblickliche merkwürdige Geheimniskrämerei als vielmehr darüber, daß mir so lange Jahre wichtige Aspekte aus dem Leben meiner Familie vorenthalten worden waren. Daß mein biologischer, unbekannter Vater und meine liebe und nun an totaler Demenz leidende Mutter ein Doppelleben geführt hatten, als ob sie Agenten in einem ihnen feindlich gesinnten Land gewesen wären. Die Stube war klein und auf altmodische Weise gemütlich mit schweren Möbeln und naturalistischen Gemälden an der Wand. Rothirsch und wettergebräunter Fischer. Der klassische, kleinbürgerliche Kitsch, dachte ich in meiner akademischen Arroganz. Als ob meine Plakatkunst in meinem Zimer an der Uni irgend etwas anderes war als die Widerspiegelung dessen, was ich und meine Gleichgesinnten nun einmal schön fanden. Waren wir nicht selber ebenso beschränkt in dem, was wir für guten Geschmack hielten? Auf einem schweren Regal standen einige Bücher, meist Kriegs- und Militärgeschichte, wie mir schien. In einer Ecke stand ein abgenutzter Ledersessel neben einem runden Couchtischchen und einem dickbäuchigen schwarzen Kaminofen. Auf dem Tisch lagen drei Bücher, aus denen Lesezeichen herausragten. Die Bücher lagen dort nicht zur Zier. Dort saß der Herr des Hauses und bildete sich. Die Stube roch nach Pfeifenrauch und leicht ungelüftetem Altmännerheim, aber es war eigentlich kein unangenehmer Geruch. Eher etwas muffig wie Fallobst, ein Duft nach Kindheit, der mir den kleinen bäuerlichen Betrieb meiner Großeltern ins Gedächtnis rief, wo ich als ganz kleiner Steppke meine Ferien verbracht hatte. Ich konnte in eine altmodische Küche schauen, in der eine Dame in Karl Viggo Jensens Alter herumhantierte. Sie nickte mir kurz zu und wischte ihre Hände an der Schürze ab, ehe sie in die Stube trat und mir die Hand reichte. Sie war feucht und kühl, aber der Händedruck war fest, und in ihrem faltigen Gesicht saßen klare graue Augen.

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Autorenlesung

»Karla Jensen«, sagte sie. »Sie müssen Hunger haben, nun, wo es keine Fähren mehr gibt, auf denen man einen Happen essen konnte.«
»Danke für die Einladung«, sagte ich und ließ mich von der altmodischen Einrichtung und Stimmung gefangennehmen. In Kopenhagen vergaß man so etwas. Es gab noch ein Leben auf dem Lande, wo Tempo und Tonfall anders waren. Wo alte Worte und Wendungen existierten, als wäre das Fernsehen nie erfunden worden.
»Kann das nicht noch eine Viertelstunde warten? Ich würde Irmas Bruder gern noch das Museum zeigen«, sagte Karl Viggo Jensen.
»Dem steht nichts entgegen«, sagte sie. »Ich habe nur ein paar belegte Brote gemacht. Die können noch eine Viertelstunde stehen, aber wenn der Herr nun Hunger hat …«
»Das geht schon«, sagte ich.
»Na, dann lege ich den Schnaps noch mal auf Eis«, sagte sie, als wäre der Aquavit am wichtigsten und nicht die erstaunlichen Düfte, die sich im Zimmer verbreiteten, und ging wieder in ihre Küche.
Wir durchquerten ein anderes Zimmer, in dem der Tisch für das Mittagsbrot gedeckt war, betraten den Garten und steuerten auf ein niedriges, weißgekalktes Gebäude zu, das früher einmal der Schweinekoben gewesen sein dürfte. Unsere Füße rutschten auf den glitschigen Blättern der Blutbuche aus, die noch vom letzten Herbst dort lagen. Karl Viggo Jensen ging voraus, ich trottete hinterher, und dann kam Fritz, der mit den Füßen schlurfte und ein wenig schnaufte. Er war nicht mehr jung und hatte sich eigentlich nie geschont. Hinterließen Zigarre und Pfeife mittlerweile ihre Spuren in den Lungen meines Bruders? dachte ich und machte mir wirklich Sorgen um ihn. Die Familie ist doch etwas Seltsames, das einen oft nerven kann, aber es ist doch das einzig Dauerhafte, was man hat, auch wenn man es sich nicht selber ausgesucht hat.


Buchtipp
Camilla Läckberg - Die Schneelöwin

Es war ein unheimlicher Raum, den wir betraten, obwohl er mit seinen Wandbildern und den kleinen Schaukästen mit Ausstellungsgegenständen einem kleinen Heimatmuseum glich. Das Ausgestellte selbst machte den Raum unheimlich. Es war ein Gedenkzimmer für die SS mit Fotos von Offizieren in schwarzen Uniformen und SS-Runen auf dem Kragen, großen Schwarzweißfotos mit Schlachtszenen, einem Dannebrog mit der Aufschrift »Frikorps Danmark«. Waffen, Orden, verblaßte Briefe und Papiere, Tagebücher anscheinend, Gasmasken, militärische Dienstgradabzeichen, Uniformgegenstände, Hundemarken. Der ganze Scheiß, der auf Schlachtfeldern so übrigbleibt. Karten von den Schlachten am Ilmensee, bei Stalingrad und Narva waren sorgfältig in Glasvitrinen ausgebreitet. Mit Pfeilen und kleinen Buchstaben, die die Regimentszugehörigkeit angaben. Als ob das irgend jemanden interessierte außer denjenigen, der daran teilgenommen hat. Im übrigen waren sie selbst für einen Historiker wie mich unverständlich. Es waren läppische Schlachten an einer häßlichen Front, aber selbstverständlich interessierte die Teilnehmer genau dieser Frontabschnitt mit seinen kleinen Siegen und Niederlagen. In Wirklichkeit ist der Krieg für den gewöhnlichen Soldaten eine Frage des nächsten Grabens und der nächsten Schutzhecke und der nächsten warmen Mahlzeit. So etwas auszustellen, darauf könnte ein kleines Heimatmuseum mit seinen begrenzten Mitteln stolz sein, wenn es nur keine Ausstellung war, die den Verlierern huldigte – und damit dem Bösen. Karl Viggo Jensen sagte nichts, sondern stand an der Tür, während ich die Runde machte und die Exponate betrachtete. Fritz stand in der Ecke und starrte nach unten und scharrte mit den Füßen auf dem sauber gescheuerten Boden. Das ist immer noch ein Schweinestall, dachte ich, sagte aber nichts. Vielleicht war ich einfach ein wenig ängstlich, vielleicht wollte ich Fritzens Gefühle nicht verletzen. Manche Bilder kannte ich sehr gut. Das Freikorps Dänemark auf Heimaturlaub 1942 zum Beispiel. Der dänische Naziführer Frits Clausen hält eine Rede, war ein anderes bekanntes Motiv. C.F. von Schalburg mit seinem kleinen Sohn in SS-Uniform hatte ich auch schon einmal gesehen. Aber eine ganze Reihe anderer Fotos, die ganz gewöhnliche junge Dänen mit Hakenkreuz und Dannebrog an verschiedenen Orten der Ostfront zeigten, war neu für mich. Die Historiker hatten sich mit der Geschichte der Verlierer nicht sehr beschäftigt. Um dieses dunkle Kapitel der Besatzungszeit zu erforschen, hatte es lange Zeit weder Gelder noch Stellen gegeben. Aber beim Herumgehen wurde mir klar, daß dies hier kein nüchternes, wenn auch geheimes Museum war. Es war ein Gedenkraum, der so sorgfältig gehütet und gepflegt wurde, als wäre die ganze Sache ein Teil der Jetztzeit und behandelte nicht die bald sechzig Jahre alte Geschichte der dänischen Landesverräter. Als wenn einige Leute sagen wollten: Wir existieren. Wir wollen nicht vergessen werden. Wir sind ein Teil von euch.

Leif Davidsen
Autor Leif Davidsen

Auf einem Bild war ein Waffen-SS-Offizier zu sehen, der Karl Viggo Jensen aufs Haar glich, nur in einer weit jüngeren Ausgabe. Wenn er es wirklich war, hatte ich mich in seinem Alter vollkommen verschätzt. Er stand neben einem anderen Mann, den ich als meinen Vater erkannte.
»Ja, das sind ich und dein Vater, Teddy«, sagte Karl Viggo Jensen. Er war hinter mich getreten, ohne daß ich ihn gehört hatte. Ich starrte das Bild mit ebenso großer Faszination wie Aversion an. Die beiden jungen Männer standen in ihren schwarzen Uniformen und mit den schief sitzenden Schiffchen nebeneinander und trugen ein breites Lächeln auf den Lippen. Mein Vater hielt eine Maschinenpistole auf Hüfthöhe wie ein Großwildjäger, der ein wildes Tier erlegt hatte. Aber hinter den beiden Männern lag ein Haufen Leichen in Reih und Glied wie ausgestellt nach einer Jagd.
»Das waren russische Partisanen. Die hatten einen von uns getötet, einen Dänen aus Himmerland, und ihm die Augen ausgestochen. Dann rückten wir in das Dorf ein, und dann bereuten sie ihre Tat. Der Krieg ist eine Schweinerei, das kann ich dir sagen.«
Ich sagte nichts. Ich spürte zunehmende Übelkeit, je länger ich mir das Foto mit meinem Vater ansah. Obwohl ich ihn eigentlich nicht gekannt habe, hatte ich ja seine Gene in mir. Und obwohl ich nicht der Meinung bin, daß die Sünden der Väter an die Söhne vererbt werden, war es doch allerhand, mit der Tatsache konfrontiert zu werden, daß der eigene Vater an Kriegsverbrechen an der Ostfront teilgenommen hatte.
»Dann mußt du ja fast achtzig sein«, sagte ich tumb.
»Achtundsiebzig«, sagte er. »Es sind nicht mehr viele übrig, und die meisten sitzen als senile Greise im Pflegeheim, aber mir hat Gott eine kräftige Gesundheit geschenkt.«
»Und wer ist Karl Henrik? Er kann unmöglich dein Sohn sein.«
»Er ist mein Neffe. Er ist der Vereinssekretär, aber davon können wir dir später noch erzählen. Das hier drüben ist sein Großvater, komm …« Er zeigte in eine Ecke des Raums, ließ aber meinen Arm wieder los, als er meinen Gesichtsausdruck sah. Neben zwei Wehrpässen mit Hakenkreuz waren einige Fotos ausgestellt. Eines zeigte einen Mann, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Karl Viggo Jensen hatte. Er saß mit einer Pfeife im Mund und einem Gewehr auf den Knien auf einem Panzerwagen.
»Das ist Hans Peter. Das Bild wurde nicht weit von Zagreb in Jugoslawien aufgenommen, wo das Regiment Nordland 1943 war. Hans Peter kam nicht mehr nach Hause. Er fiel 1944 bei Narva. Dort liegt er begraben. Wir fanden vor ein paar Jahren seine Überreste und gaben ihm ein christliches Begräbnis. Die Esten haben größeres Verständnis für unseren Einsatz gegen die Roten, als man es hierzulande hat. Und schau dir mal das andere Bild an.«
Auch darauf war mein Vater zu sehen. Er hatte einen nackten Oberkörper und seifte sich anscheinend gerade ein, bevor er sich unter einer provisorischen Dusche abspülen wollte, die in einem Baum aufgehängt war. Er sah dünn, aber doch kräftig aus. Am Bildrand stand eine junge Frau und hielt die Hände vor die untere Gesichtshälfte, aber man konnte sehen, daß sie sich vor Lachen über die Späße, die der dänische SS-Mann auf Lager hatte, gar nicht mehr einkriegte.

Danke an den Zsolnay Verlag für die Veröffentlichungserlaubnis.
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