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„Walküren“ – (K)ein Island-Krimi
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„Walküren“ mag auf Island spielen, doch beschäftigt sich der Autor mit einer gesellschaftlichen Entwicklung, die auch hierzulande zu beobachten ist
Thráinn Bertelsson zeigt anhand des Mikrokosmos’ der isländischen Gesellschaft, wie Demokratie und Freiheit tagtäglich in den Schaltstellen der Macht in Politik und Staat untergraben und wie Menschen- und Persönlichkeitsrechte verletzt werden. Die Krimihandlung dient ihm dabei dazu, diese Phänomene transparent und international zugänglich zu machen.
Es deutet sich im Titel und in den den einzelnen größeren Abschnitten vorangestellten Zitaten an, dass es Thráinn Bertelsson in seinem Kriminalroman „Walküren“ um mehr als um bloße Krimiunterhaltung geht, doch schreibt er sich erst ganz allmählich in Rage, nimmt seinen Leser behutsam mit und führt ihn langsam, fast so, dass man es kaum bemerkt, zu seinen eigentlichen Themen: dem Machtmissbrauch der (isländischen) Politikerkaste, die schleichende Militarisierung einer an und für sich friedlichen Außen- und Militärpolitik sowie der Gewalt gegen Frauen. Bertelssons große Stärke liegt dabei darin, dass er nicht in den verbitterten Tonfall von Altfeministinnen, nicht in den ideologieverblendeten von Friedensaktivisten verfällt, sondern sowohl harte, klare Worte findet als auch die satirische Spielart beherrscht, sodass das Lesevergnügen vor lauter bedeutungsschwerer Themen nicht zu kurz kommt.
Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter
Wie vielfältig sich die Gewalt gegen Frauen ausnimmt, illustriert Bertelsson zum einen durch den Mord an der Frauenrechtlerin, Journalistin und Autorin Freyja Hilmarsdóttir, zum anderen in einer Parallelhandlung, die nur zu Beginn scheinbar nichts mit dem eigentlichen Krimiplot zu tun, in der Sveinbjörn Ragnarsson die Polizei zum Narren hält, indem er immer wirrer werdende Geschichten über das Verschwinden seiner Frau erzählt, die er unzweifelhaft ermordet hat, sowie in den Eheproblemen, die Guðrún Sólveig Hallsdóttir aus der technischen Abteilung der Polizei hat. Zumeist sind die Frauen, auch in der isländischen Gesellschaft, noch die Opfer, doch nicht nur. Guðrún wird zwar von ihrem Mann betrogen, doch ist es in der Folge sie, die das Heft in die Hand nimmt und agiert statt nur zu reagieren oder stumm zu dulden und zu leiden.
Das weibliche Alphatier
Mit Landespolizeichefin Elín Óskarsdóttir zeichnet Bertelsson ein äußerst ambivalentes Frauenbild. Sie hat mit ihrem Posten innerhalb der männlichen dominierten Polizeisphäre eine Machtposition erlangt. Ihre Gegner werfen ihr vor, nur deshalb Landespolizeichefin geworden zu sein, weil sie die Nichte des Parlamentarischen Geschäftsführers der Demokratischen Partei ist, „den manche für den mächtigsten Mann Islands hielten.“ (Thráinn Bertelsson, Walküren, dtv München, 2008: S. 161) Sie selbst hält sich natürlich für die „qualifizierteste Bewerberin“ (ebd.). Der Leser muss selbst entscheiden, wem er mehr Glauben schenkt. Es stellt sich aber im Verlauf der Geschichte heraus, dass Elín nicht weniger machtbewusst und intrigant ist als ihre männlichen Kollegen – die einzige Möglichkeit, in einer Männerwelt Karriere zu machen? Jedenfalls zögert sie nicht, Informationen über den (legalen und privaten) Psychopharmakagebrauch von Kommissar Víkingur zu ihren Gunsten zu nutzen, um Chefin einer neu zu gründenden Sicherheitsabteilung zu werden. Víkingur lehnt diese Abteilung als „Geheimdienst ohne Gesetzesgrundlage“ (S.276) und antidemokratisch (vgl. ebd.) zwar ohnehin ab – zumal offen bleibt, „wer überwacht die Wächter?“ (S.277), doch wird ja anhand der als privat anzusehenden Informationen darüber, welche Medikamente der Kommissar einzunehmen hat, schon jetzt deutlich, wohin eine solche Überwachung, die von niemandem kontrolliert wird, führen kann.
Eine Gesellschaft am Rande des moralischen Verfalls
Ganz ohne moralische Zweifel hält Elín es außerdem für rechtens, dass sie einen Mitarbeiter ihrer Abteilung auf Freyja angesetzt hatte, weil das von Freyja verfasste Enthüllungsbuch darüber, wie alte, erfolgreiche, mächtige Männer sich ihrer Ehefrauen zugunsten jüngerer Frauen entledigen, besagtes „Walküren“, ihrer Ansicht nach Dinge enthält, „die die Staatsinteressen gefährden.“ (S.340) – Hier weiß der Leser längst, dass ihre ureigensten Interessen gefährdet sind und dass es Elín um nichts geringeres als – wenngleich modern durchgeführte – Zensur geht, „in einem Land, in dem Meinungs- und Pressefreiheit in der Verfassung verankert sind“ (S.340). Bertelsson zeigt die isländische Gesellschaft, die so stolz auf das älteste Parlament (der westlichen Hemisphäre nach Christi Geburt) ist und deren Fundament sich auf eine alte Gesetzgebung gründen, am Rande des moralischen Verfalls; als eine Gesellschaft, die längst nicht mehr demokratisch regiert wird, sondern in der es nur noch darum geht, „an den Spielregeln der Demokratie vorbeizulavieren“ (S.355) und eine Willkürherrschaft zu etablieren (vgl. ebd.).
Entlarvung sprachlicher Verharmlosungen
Mit dem Ex-Theologen und Kommissar Víkingur kreiert Bertelsson seinen Anti-Helden, der den Verfall durchaus wahrnimmt, doch immer noch an die tradierten Werte glaubt und aufrichtig und tapfer um deren Einhaltung und Verteidigung kämpft. So lässt Bertelsson Víkingur beispielsweise unmissverständlich feststellen, dass hinter der neuen Sicherheitsabteilung und der Tatsache, dass Island, das eigentlich keine Armee besitzt, seine jungen Männer nun zur militärischen Ausbildung nach Norwegen schickt, um den Frieden in Afghanistan an der Seite der USA zu sichern, dieselbe Denkweise steckt (vgl. S.275f), nämlich „(d)ie Denkweise, von der Notwendigkeit einer Friedenstruppe und einer Sicherheitsabteilung zu reden, wenn es eigentlich um eine bewaffnete Armee und einen Geheimdienst ohne Gesetzesgrundlage geht.“ (vgl. S. 276)
Die Demokratie wird ausgehöhlt – ein internationales Phänomen
In dem – bevölkerungsmäßig gesehen – kleinen Island, in dem jeder jeden kennt, sind solche von der politischen Kaste herbeigeführten Änderungen, die an den Fundamenten der isländischen Gesellschaft rühren, von existentieller Bedeutung für das Selbstverständnis dieser Gesellschaft, doch fällt es leicht, in einer globalisierten Welt, diese Problematik auf Deutschland und die Entsendung seiner „Friedenstruppen“ nach dem Zweiten Weltkrieg zu übertragen. Oder auf Ausweitung der Rechte der polizeilichen (Abhör-)Maßnahmen im Zuge der Anti-Terrordebatte. Das macht „Walküren“, wiewohl es auf den ersten Blick im isländischen Mikrokosmos spielt, über den Inselstaat am Rande Europas auch für ein breites Lesepublikum außerhalb Islands interessant – und vielleicht ungewollt führt Bertelsson uns damit vor Augen, wie abhängig und eng miteinander verbunden – im Guten wie im Schlechten – die verschiedenen internationalen Gesellschaften heute längst sind. Machtmissbrauch und euphemistische Umschreibungen, um Krieg im Namen einer „guten“ oder „gerechten“ Sache zu rechtfertigen sind ein globales Phänomen – gut, dass Bertelsson den Finger in die Wunde legt.
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