Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
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Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
 
Arne Dahl - Sieben minus eins

Interview mit dem Autoren Mikael Niemi

Der Schriftsteller Mikael Niemi
Mikael Niemi - Foto A.Hagenguth/schwedenkrimi.de

„Der Wald, das ist die totale Freiheit!

Mit jugendlichem Elan, jungenhaftem Charme und großer Begeisterung plaudert Mikael Niemi mit dem Literaturportal schwedenkrimi.de über Pajala, das Tornedal’sche Trauma, im eigenen Land ausgeschlossen zu sein, und den schweren Weg zur eigenen Identität. Denn um nichts Geringeres geht es in Niemis erstem Krimi  „Der Mann, der starb wie ein Lachs“.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Dein neuestes Buch „Der Mann, der starb wie ein Lachs” handelt viel von der Zerrissenheit zwischen zwei Sprachen und zwei Kulturen, die direkt durch Familien und Herzen geht. Hast du selbst auch diese Zerrissenheit erlebt, die beispielsweise Esaias spürt, als er nach Stockholm fährt?

Mikael Niemi:
Ja, auf jeden Fall. Das ist etwas, was alle Tornedaler kennen. Das erste Mal ist es mir bewusst geworden, als ich aufs Gymnasium kam. Ich habe die technische Linie besucht, und zwei von den insgesamt vier Jahren habe ich in Luleå verbracht. Luleå liegt etwa 220 Kilometer südlich von Pajala, aber das ist für mich schon Südschweden, eine ganz andere Kultur. Solange man in Pajala lebt, merkt man es nicht, aber als ich nach Luleå kam, war das ein Kulturschock. Ich habe mich auf vielfältige Weise den anderen unterlegen gefühlt, dachte, mit mir stimmt etwas nicht, aber ich hatte keine Worte dafür. Das neue Tornedal’sche Selbstbewusstsein hatte sich zu der Zeit noch nicht herausgebildet.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Woher kam dieses Gefühl der Unzulänglichkeit und Unterlegenheit?

Mikael Niemi:
Unser Tornedal’sches Bewusstsein, unsere Tornedal’sche Identität war nicht intellektualisiert. Wir hatten ein sehr geringes Bildungsniveau, waren sehr arm. Die Leute konnten es sich ganz einfach nicht leisten, in die Schule zu gehen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als Schwedens Wirtschaft schnell wuchs, profitierten auch wir davon. Meine Generation konnte zur Schule gehen und so waren wir es, die es in Worte fasste: Wir im Tornedal waren eine Minderheit! Das kam einer Revolution gleich.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Die gesamte Politik und Kultur in Schweden ist sehr stark auf Südschweden und Stockholm konzentriert …

Mikael Niemi:
Ja, das stimmt. Das Gleiche gilt auch für Norwegen und Oslo und für Finnland und Helsingfors. Das hat historische Gründe, dass man das Machtzentrum in den Süden verlegte. Wir im Norden haben uns aber deswegen immer sehr ausgeschlossen gefühlt. Das ist sehr traumatisch für die eigene Identität. Als Autor gehört die Frage nach der Identität zu den großen Fragen. Darauf gibt es viele verschiedene Antworten, wie es auch viele Minderheiten auf der Welt gibt, aber was uns im Tornedal von anderen Minderheiten unterscheidet, ist, dass sich bei uns nicht nur zwei Sprachen, sondern auch zwei Völker treffen. Bei uns trifft die indoeuropäische Kultur auf die finnisch-ugrische Kultur und Sprache. Das Finnische hat außer dem Ungarischen keine anderen Verwandten mehr, während die skandinavischen Sprachen germanische Sprachen sind und viele Verwandte haben. Das bringt mich zu der Frage, ob man das in uns merkt, und ich glaube ja!

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Und wie genau macht sich das bemerkbar?

Mikael Niemi:
Ich denke da an Jung und das kollektive Unbewusste. Ich kann das natürlich nicht beweisen, das sind mehr ein Gefühl und ein Gedanke, die mich nicht los lassen. Ich denke da an eine besondere Haltung zur Natur, zum Tod und zum Leben. Konkreter: Für mich sind die indoeuropäischen Völker Meeresmenschen. Sie leben gerne am Meer, sie brauchen das Wasser, sie fahren zur See und betreiben Landwirtschaft. Für uns ist der Wald quasi unser Körper. Ich erinnere mich da an ein Erlebnis mit einer Freundin von mir, die aus Luleå kam. Ich fuhr mit ihr zu einem sehr abgelegenen Dorf, weit draußen im Tornedal. Damals lebten dort vielleicht 100 Menschen, heute sicherlich noch weniger. Und ich war so glücklich! Umgeben vom Wald, von den Vögeln im Wald, es war das richtige Gefühl von Wildnis und ich war so glücklich! Und da merkte ich, dass sie überhaupt nicht glücklich war. Sie fühlte sich vom Wald eingeschlossen. Für mich dagegen ist der Wald die totale Freiheit. Hier kann ich mich ganz frei bewegen, ich kann hingehen, wohin ich will, niemand, der mich hindert oder aufhält, kein Gesetz der Welt. Das ist schwer zu erklären, aber in meinen Augen ist es diese „Waldkultur“, die uns von den Menschen in Südschweden, die das Meer geprägt hat, unterscheidet.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Und was bedeutet es für dich, Tornedaler zu sein?

Mikael Niemi:
Ich will das eigentlich nicht exotisieren. Eigentlich heißt es nur, dass ich zufällig aus einer bestimmten Gegend komme, aber jeder, der will, kann Tornedaler werden. Wir haben in Pajala viele unterschiedliche Kulturen. Wir haben Adoptivkinder aus China, deutsche Ärzte, Peruaner, die verdammt gut Fußball spielen, meine Frau kommt aus Holland … Ich finde es einfach schön da und lebe gerne dort. Aber es ist genauso Okay, in einer Großstadt zu leben oder dass man den Horizont sehen muss, um die totale Freiheit zu fühlen.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Was ist denn typisch Tornedalisch?

Mikael Niemi:
Die Tornedal’sche Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der man sich sehr nahe ist. In Pajala leben nur 2000 Menschen. Man sieht dieselben Gesichter jeden Tag. Man verfolgt ihr Leben, man sieht ihre Kinder aufwachsen, man sieht sie sterben und lieben. Es ist ein starkes Netz. Man kennt immer die ganze Familie, die Eltern, die Kinder, die Großeltern … Die Zeit ist sozusagen auch die ganze Zeit über anwesend. Wir sehen also nicht bloß das Individuum, sondern das ganze Geschlecht. Das unterscheidet uns, glaube ich, sehr stark von Großstadtmenschen. Bei uns ist es mehr ein Kollektiv, das man wahrnimmt, und eine kollektive Verantwortung, die man übernimmt.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Und dennoch ist die Tornedal’sche Gesellschaft eine für Fremde und Ausländer offene Gesellschaft?

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Mikael Niemi:
Ja, wir haben viele verschiedene Kulturen in Pajala. Es gibt natürlich in Skandinavien und Europa viele kleine Dörfer, wo es sehr schwer ist, in die Gemeinschaft hineinzukommen. Ich denke, das hat etwas mit der bäuerlichen Vergangenheit zu tun, als man ein festes Stück Land hatte, das einen ernähren musste und das man stets weitervererbt hat. In einer Jäger- und Fischerkultur, wie bei uns, war es hingegen essentiell wichtig, sich von seinem Stück Erde fortzubewegen, um zu überleben. Man musste wandern, sich bewegen, mit anderen Menschen handeln. Archäologische Spuren weisen darauf hin, dass es intensive Kontakte zwischen den Schweden, Samen, Finnen und Nordrussen gab. Die Leute sind also gereist, waren Nomaden, nicht nur die Samen, sondern auch wir. Ich bin letzten Sonntag zum Beispiel den Wasa-Lauf gelaufen, 90 Kilometer in einer Stunde. Es ist also für einen Menschen möglich, sich per purer Muskelkraft, sagen wir in einer Woche, von Norwegen nach Russland fortzubewegen. Das haben sie schon vor 80 Jahren so gemacht. Und im Sommer gab es die großen Flüsse, über die man sich fortbewegen konnte. Dieser dumme Rassismus ist leider ein Phänomen der Neuzeit. Wenn man reist und die Leute kennen lernt, dann spielt es keine Rolle, ob sie braun oder schwarz oder gelb sind. Ich glaube tatsächlich, dass es für einen Auswanderer sehr gut ist, nach Pajala zu kommen. Es ist so informell bei uns. Man muss natürlich die Sprache lernen, aber bei uns gucken die Leute nicht, welche Hautfarbe du hast, sondern ob du ein guter Mensch bist, ob du ehrlich bist oder lügst, ob du gut zu deinen Kindern bist und so weiter. Das zählt bei uns. Aber das Negative daran ist, dass, wenn du einen Fehler gemacht hast, hängt er dir vielleicht ein Leben lang nach. Er ist in den Seelen der Menschen drin. Eine Schlägerei ist in unserer Kultur nicht so schlimm, wie wenn du einen Fehler machst.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Um noch einmal ein wenig zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Dein Debütroman „Populärmusik aus Vittula“ hat die Kritiker der großen Blätter geradezu zum Jubeln gebracht. Wie wichtig war es denn für dich persönlich, die Anerkennung der Stockholmer und Südschwedens zu bekommen?

Mikael Niemi:
Das war sehr wichtig. Es war eine Möglichkeit zu zeigen, dass unsere Kultur viele angeht. Mit dem Erfolg hatte ich selbst nicht gerechnet. Ich dachte, das sei ein Buch, das sich bei uns in Nordschweden ganz gut verkaufen wird, aber nicht in Südschweden. Ich erinnere mich, wie es war, als das Buch erschien. Die Reaktionen bei uns in Pajala waren recht unaufgeregt. Die Leute sagten ja, so ist das hier bei uns. Als dann die ersten positiven Rezensionen aus Südschweden kamen – und später dann die Touristen – haben wir uns gefragt: Was geht denn hier ab? Und dann dieser fantastische Erfolg! Das Buch ist in 30 Länder verkauft worden! Ich glaube, das war einfach Glück. Das Buch kam zur rechten Zeit. In Schweden hatten wir in den 1990ern eine Phase des intellektuellen, abstrakten Schreibens.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Wie erklärst du dir den Riesenerfolg deiner Bücher, die ihre Wurzeln in Norrbotten haben und so einzigartig verbunden sind mit dieser Landschaft und ihren Menschen, in Ländern wie Deutschland, Holland, Tschechien, Kroatien …?

Mikael Niemi:
Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht. Als der Erfolg kam, war ich als Schriftsteller gezwungen, mich zu entscheiden, wie es weitergehen soll. Ich hätte noch viele Bücher im Stile von „Populärmusik aus Vittula“ schreiben können. Das war sehr verlockend. Aber ich habe mich entschieden, so zu tun, als ob es dieses Buch nie gegeben hätte. Das ist schwierig, aber ich glaube, als Schriftsteller muss man immer wieder überraschen, man darf nicht berechnend sein. Die grundlegende Idee zu „Der Mann, der starb wie ein Lachs“ hatte ich tatsächlich schon lange im Kopf. Mein Vater war Polizist in Pajala und ich wollte wenigstens einen Kriminalroman schreiben, aber dann habe ich erst einmal einen Science-Fiction-Roman, „Das Loch in der Schwarte“, geschrieben. Man darf nicht daran denken, was das Publikum sagt, wie sich das Buch verkaufen wird. Das sollen die Verleger machen. Als Autor muss man kreativ sein, seinem Herzen folgen. Man muss in sich hineinhorchen, die Mythen lebendig werden lassen, und wenn man Glück hat, hört man in sich etwas, das andere auch schon gehört haben und kann eine Verbindung herstellen.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Man hat sich natürlich bei „Der Mann, der starb wie ein Lachs“ gefragt: Warum nun ein Krimi?

Mikael Niemi:
Ich wollte einfach mal auch einen, wenigstens einen, Kriminalroman schreiben, darüber, was es heißt, Polizist in einem kleinen Ort zu sein. Aber eigentlich sind es zwei Bücher in einem. Ich spüre auch der Frage nach: Was ist aus uns geworden, aus unserem Trauma, aus der Trauer und der Sorge des skandinavischen Nordens? Vielleicht auch aus der Hoffnung. Was ist aus der Minoritätenkultur geworden?

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Ist für dich „Der Mann, der starb wie ein Lachs” denn eher ein Kriminalroman oder ein Roman über die Gegenwart in Pajala?

Mikael Niemi:
Sowohl als auch. Als ich das Buch schrieb (lacht), hatte ich so viel Spaß, vor allem an einer Szene: Ich wollte auf alle Fälle etwas Gewalt in meinem Roman haben, wie es sich für einen Krimi gehört, und meine Lieblingsszene ist die, in der der alte Arbeiter von zwei Dieben überfallen wird und sie ihm seine LKAB-Uhr stehlen und er zurückschlägt. Es gibt intellektuelle und philosophische Krimis, aber ich wollte etwas gute, alte Gewalt drin haben. Aber dann merkte ich, dass noch etwas anderes geschah, das Übernatürliche kam dazu. Auch das gibt es in mir. Auch das hat mit der Waldlandschaft zu tun, etwas, was man Schamanentum nennt, obwohl wir das da oben nie so nennen würden. Wenn man jemanden fragt, glaubst du an das Übernatürliche? sagen alle nein, aber wenn du fragst, kennst du jemanden, der den Blutfluss stoppen kann oder jemand, der mit der Kraft und Wärme seiner Hände Schmerzen lindern kann, dann sagen alle, ja klar! Wir haben da oben einen Kerl wohnen, der kann heilen, indem er an einen denkt. Das kann man dann in einer Rubrik in Norrbottens Socialdemokratiska Tidningen nachlesen: Danke, Adolf, dass du an meine schmerzende Hand gedacht hast. Oder wenn man fragt, glaubst du an Gespenster? Dann sagen auch alle nein, aber wenn man fragt, ob jemand die Anwesenheit eines sterbenden Menschen gespürt hat, dann erhält man ein Ja klar! als Antwort. Auch die Beziehung zu Tieren ist eine andere. Wir sind den Tieren näher, wir reden mit ihnen, auch mit den wilden. Meine Mutter, sie war Samin, sprach immer mit Vögeln. So kann Literatur Brücken bauen zwischen diesen verschiedenen Kulturen.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Aber ein Krimi! Hattest du angesichts der zahlreichen erfolgreichen schwedischen Krimiautoren nicht Angst, einen Krimi zu schreiben?

Mikael Niemi:
Aber ja! Aber nicht wegen der vielen anderen Krimiautoren, sondern, weil es immer schwierig ist, nach einem literarischen Erfolg ein neues Buch zu schreiben. Man darf sich jedoch nicht an literarischen Trends orientieren. Wenn man etwas ganz anderes schreiben will, dann muss man das tun. Wenn man genauso schreiben will, wie ein anderer Autor, muss man auch das tun. Es geht um ein inneres Bedürfnis. Ich schreibe auch viel fürs Theater, und so werde ich es auch in Zukunft halten: Ich werde das schreiben, was mir auf der Seele brennt.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Du hast gesagt, dass dein Vater Polizist war. Wie viel Ahnung hast du selbst denn von Polizeiarbeit?

Mikael Niemi:
Ich finde Polizeiarbeit unerhört interessant! Gerade in einer kleinen Gemeinde Polizist zu sein, ist eine große Herausforderung. Man muss große Integrität, viel Mut und große soziale Kompetenz besitzen. Als mein Vater aufwuchs – er war eines von elf Kindern – und Polizist wurde, gab es noch kein Bafög oder so. Das war in den 1930er/1940er-Jahern und die Familie meines Vaters war, wie alle Familie dort oben, sehr arm. Als Dreizehnjähriger begann er, als Waldarbeiter zu arbeiten, aber er besaß Intelligenz und wollte da raus. Damals gab es aber im Prinzip nur drei Möglichkeiten, der Armut zu entkommen: Man konnte Polizist oder Zöllner werden oder zum Militär gehen, denn dann wurde die Ausbildung vom Staat bezahlt. Es gab so viel Intelligenz dort oben, die einfach verschwand, weil sie nicht gefördert wurde. Ich kenne viele ältere Menschen, von denen ich denke: Was hätte aus ihnen werden können, wenn sie dieselben Bildungschancen gehabt hätten, wie ich? „Der Mann, der starb wie ein Lachs“ ist also auch ein Buch über eine gesellschaftliche Veränderung: von der Armut zum Wohlfahrtsstaat. Ich habe es daher auch als eine Art Verantwortung meinen ärmeren Verwandten gegenüber empfunden, darüber zu schreiben, über diese Veränderung.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Was heißt das nun, in einer Kleinstadt wie Pajala Polizist zu sein?

Mikael Niemi:
Das ist eine komplizierte Aufgabe. Manchmal ist man gezwungen, seine Freunde festzunehmen. Mein Vater musste das tun. Manchmal ist es auch besser, ein Auge zuzudrücken. Nicht aus Angst, sondern weil es besser sein kann, nicht alles zu sehen. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Episode, als ich etwa zehn Jahre alt war. Wir fuhren zum Markt nach Kaunisvaara, um Kuhdünger für unser Kartoffelfeld zu holen. Mein Bruder und ich saßen im Auto, mein Vater fuhr, und wir trafen einen Jungen, der mit dem Moped unterwegs war. Mein Bruder rief: Der ist noch nicht 15! Der darf noch nicht Moped fahren! Mein Vater tat so, als ob er nichts hörte, aber mein Bruder rief wieder: Man darf nicht Moped fahren, wenn man noch nicht 15 ist! Und mein Vater antwortete: Doch, in Kaunisvaara darf man das.


Buchtipp
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Literaturportal schwedenkrimi.de:
Ich habe gelesen, dass es viele Figuren aus dem Roman auch in Wirklichkeit gibt. Stimmt das?

Mikael Niemi:
Ja! (Holt einen Zeitungsartikel einer finnischen Zeitung heraus.) Guck, das ist Rauha Jauhojärvi, die die Leiche findet. Und hier ist Ulf Kyrö, der Feuerwehrmann, mit seinem Einsatzwagen 561 und hier, das ist das Haus, in dem der Mord geschieht. In dem habe ich selbst gewohnt!

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Wie unheimlich!

Mikael Niemi:
Ja, aber ich wollte das niemandem antun. Ich hatte Angst, die könnten böse werden. Ich habe auch die Charaktereigenschaften der Personen und ihr Aussehen ein wenig verändert. Ich habe auch beim Pflegedienst der Gemeinde angerufen und gefragt, ob sie jemanden kennen, der sich bereit erklären würde, in meinem Roman die Leiche zu finden. Nach 15 Minuten riefen sie zurück und sagten: Das macht die Rauha.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Und warum hast du dich entschieden, richtige Menschen zu nehmen und nicht welche zu erfinden? Was war so besonders Spannend daran, echte Menschen zu nehmen?

Mikael Niemi:
Na ja, ich dachte, ich schreibe einen Roman aus der Gegenwart über Pajala, warum da nicht auch echte Menschen nehmen? Es gibt sie ja, die Haushaltshilfe und den Feuerwehrmann. Warum also erfinden? In „Populärmusik aus Vittula“ habe ich alle Namen und Figuren verändert, verfremdet. Jetzt wollte ich mal etwas anderes ausprobieren. Als das Buch dann veröffentlicht wurde, feierte ich in Pajala eine große Releaseparty und alle, die in dem Buch vorkommen, haben von mir beziehungsweise dem Verlag ein Gratisexemplar erhalten.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Und? Waren alle mit ihrer Darstellung im Roman zufrieden?

Mikael Niemi:
Ja, alle! Es gab nur ein paar, die nicht in dem Buch vorkommen, die nicht so zufrieden waren ... Die wollten gerne im nächsten Roman auftauchen. Aber ich weiß noch nicht, ob ich das wieder mache. Bei „Der Mann, der starb wie ein Lachs“ fühlte es sich einfach richtig an. Das ist, weil in Pajala alles so eng beieinander ist. Aber Martin Udde habe ich erfunden, auch Esaias und Therese. Sie sind eher Mischungen aus verschiedenen Stilen und Personen.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
„Populärmusik aus Vittula”, „Das Loch in der Schwarte”, „Der Mann, der starb wie ein Lachs”. Wieso haben all deine Romane so komische Titel?

Mikael Niemi:
Ich denke unerhört lange über die Titel nach. Das ist das Letzte, was ich tue. Das habe ich übrigens auch bei meinen Kindern so gemacht. Bei unserem zweitältesten Sohn hat es zwei Monate gedauert, bis wir einen Namen gefunden hatten. In Schweden kann man das machen. Man bekommt direkt bei der Geburt seine Personenkennziffer, die braucht man ein Leben lang, sonst existiert man nicht, das ist schwedische Bürokratie, aber einen Namen muss man nicht sofort haben. Wir haben gewartet, bis der Name zu unserem Sohn passte. Und so ähnlich mache ich das bei meinen Büchern. Ich schreibe für gewöhnlich eine lange List mit allen möglichen Titeln auf. Zum Schluss habe ich zwischen 50 und 100 Vorschlägen. Wenn der Richtige gefunden ist, dann spüre ich das. Das ist der Poet in mir, glaube ich, ich habe ja früher Lyrik geschrieben.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Welche Eigenschaften besitzt denn ein guter Titel?

Mikael Niemi:
Er muss poetisch sein und einen schönen Rhythmus haben: „Der Mann, der starb wie ein Lachs“ – Das erinnert ein wenig an die alten isländischen Sagas oder an die Kalevala (finnisches Nationalepos). Mit „Lachs“ habe ich auch den Fluss im Titel, der die Landschaft Tornedalens prägt. Außerdem entsteht ein Bild im Kopf. Ja, das ist Poesie…

Autorin:
Alexandra Hagenguth/ KONTEXTE - Wissensportal für Text, PR, skandinavische Sprachen und Literaturen
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