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Interview mit dem Autoren Kjell Eriksson

Kjell Eriksson kauft sein erstes Buch

Am 12. November stellte Kjell Eriksson, der Poet der schwedischen Krimigarde, in der Mülheimer Stadtbibliothek seinen neuen Roman "Der Tote im Schnee" vor. Das Literaturportal schwedenkrimi.de traf ihn vorab zu einem Interview, in dem der schriftstellernde Gärtner vom 'anderen Uppsala' und seinen Menschen erzählt.
Der Autor Kjell Eriksson Der Autor Kjell Eriksson
Der Autor Kjell Eriksson
Kjell Eriksson - Foto: Alexandra Hagenguth/schwedenkrimi.de
Literaturportal schwedenkrimi.de:
1999 haben Sie den Preis für das beste Kriminaldebüt Schwedens erhalten, "Der Tote im Schnee" wurde 2002 als bester schwedischer Kriminalroman ausgezeichnet. Wie hat sich Ihr Leben dadurch seitdem verändert?

Kjell Eriksson:
Ja, beide Preise sind ja sehr prestigevoll und die Konkurrenz in Schweden ist sehr groß, wie Sie wissen. Das bedeutet natürlich eine größere Aufmerksamkeit von seiten des Buchhandels, der Bibliotheken und der Leser. Ich erhalte mehr Einladungen zu Lesungen und um im Buchhandel Bücher zu signieren. Mein Terminkalender ist jetzt proppevoll mit Terminen, mit Lesungen usw. Und mit "Der Tote im Schnee" hatte ich nun einen Durchbruch auf breiter Front. Ordfront, mein Verlag, hat mich angerufen und mir berichtet, dass die Taschenbuchausgabe von "Der Tote im Schnee" schon nach 2 Wochen 16.000 Mal verkauft wurde, und das für Schweden! Wir sind ja ein kleines Land. Ich bin total baff. Das ist ein kleiner Hinweis darauf, wie sich alles verändert hat. Der Verlag hat gesagt, so etwas hätten sie seit Mankells Zeiten nicht mehr erlebt. Da ging der Verkauf der ersten Bücher ja auch etwas schleppend, aber dann platzte der Knoten auf breiter Front. Der Effekt ist sehr angenehm, sowohl für mich als auch für den Verlag. Das beinhaltet auch ein größeres internationales Interesse. Seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben, habe ich meine Bücher nicht nur in Holland und Deutschland verkauft, sondern auch in Finnland, Dänemark und den USA. Und in den USA liest man ja nicht gerade viele schwedische Bücher... Mankells Bücher verkaufen sich auch in den USA und ich glaube, Edwardson ist es jetzt nach einigem Kampf auch gelungen, seine Bücher in die USA zu verkaufen. Ansonsten aber hat sich mein Leben nicht sehr verändert. Ich habe auch immer noch meine Gärtnerei.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Sind denn nicht auch die Erwartungen von seiten des Publikums und der Rezensenten größer geworden?

Kjell Eriksson:
Ja, doch, auf alle Fälle. Mein neuestes Buch, "Nattskärran" (Zool. Ziegenmelker, eine Vogelart, Anmerk. d. Übers.), ist vor einem Monat erschienen und natürlich waren die Erwartungen groß, aber es hat sehr gute Kritiken bekommen. Es ist tatsächlich wieder zum besten schwedischen Krimi 2003 nominiert worden! Das ist so unglaublich: 5 Bücher, 5 Nominierungen! Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es nominiert würde, wo ich doch erst letztes Jahr diesen Preis erhalten habe. Ich glaube auch nicht, dass ich den Preis dieses Jahr noch mal erhalte, aber dass es überhaupt nominiert wurde, ist ein großer Erfolg, vor allem wo z.B. auch Nesser mit seinem letzten Van Veeteren Krimi, "Der Fall G", herausgekommen ist.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Wie fühlt man sich denn eigentlich, wenn man so unglaublich erfolgreich ist?

Kjell Eriksson:
Das ist faszinierend und in vielerlei Hinsicht fantastisch. Man trifft so viele Menschen, die Leser z.B., und erhält so viel Aufmerksamkeit. Ich habe mich eigentlich immer noch nicht richtig daran gewöhnt. Aber ich habe auch noch meine Arbeit mit der Gärtnerei als eine Art Gegengewicht. Wenn ich Gefahr laufe, zu sehr abzuheben, dann ziehe ich mich in meinen Garten zurück und kann darin einen Monat lang graben. Das holt mich dann buchstäblich wieder auf die Erde zurück. Jetzt bin ich sehr gespannt, wie "Der Tote im Schnee" sich in Deutschland verkauft. Auch wenn der Roman meinen großen Durchbruch in Schweden bedeutete, heißt das ja nicht, dass das in Deutschland automatisch auch der Fall ist - auch wenn natürlich ein Krimi aus Schweden ein gutes Argument für das deutsche Publikum ist. Das wird interessant, zu beobachten sein.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Verglichen aber mit "Das Steinbett" fehlen in "Der Tote im Schnee" die charakteristischen Naturschilderungen, die den ersten Roman so sehr ausgezeichnet haben. Was ist passiert?

  Kjell Eriksson bei schwedenkrimi.de
Biografie
Interview 2003
Interview 2002
Buchvorstellungen
EXKURS 2005
Rezensionen
Leseprobe
Gedanken
Autoren-Lesungen

Kjell Eriksson:
Es ist eigentlich nichts Besonderes passiert, aber "Der Tote im Schnee" ist vielleicht eher ein Krimi im traditionellen Sinn als die vorangegangenen. Aber in "Nattskärran" gibt es wieder mehr Naturpassagen. Der Roman spielt auch wieder mehr auf dem Lande. Um lyrischer zu werden, muss ich mich ein wenig außerhalb Uppsalas bewegen. "Das Steinbett" hat viele Szenen, die nicht in der Stadt spielen, da konnte ich 'lyrisch' werden. In "Der Tote im Schnee" hätte sich das nicht so natürlich eingefügt. "Der Tote im Schnee" spielt in einem extrem urbanen Milieu. In "Der Tote im Schnee" begebe ich mich zurück, in das Viertel, in dem ich aufwuchs. John und Lennart, die beiden Brüder, wohnen als Kinder in derselben Straße, in der ich auch wohnte. Teodor z.B., der Hausmeister, den gab es wirklich. Er war ein Arbeitskollege von mir. Also, "Der Tote im Schnee" ist ein Roman, der meiner Kindheit sehr nahe kommt. Im Nachhinein finde ich ihn etwas traurig. Ich weiß nicht, wie Sie das empfunden haben?

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Das stimmt, vor allem der Schluss ist bedrückend. Man merkt aber, dass Sie die Menschen, die Sie beschreiben, wirklich kennen und dass Sie sie mit großem Respekt mögen.

Kjell Eriksson:
Ja, das sind sozusagen 'meine Menschen', und es ist eine wichtige Beobachtung, dass ich versuche, mehrdimensionell zu schreiben. Nehmen Sie z.B. Lennart. Er ist ein Fixer, ein Hehler, ein Dieb, aber er ist auch Mensch mit einer Kindheit und mit Träumen, die er mit vielen anderen teilt. "Der Tote im Schnee" ist damit auch ein Roman über Träume. Auch John hat ja seine Träume. Er träumt davon, aus Schweden abzuhauen und in Burundi eine Fischzucht aufzumachen. Das ist auch der gesellschaftliche Anspruch, den dieser Roman mit anderen schwedischen Krimis teilt: Den Konflikt zu zeigen, zwischen der Realität, in der wir leben und den Träumen, die John und Lennart mit ihren Eltern in den 50er/60er Jahren hatten. Das sind Träume, die viele Schweden heute mental auch noch haben. Es gibt noch viele, die an den Wohlfahrtsstaat Schweden glauben. Und dann schlagen sie die Zeitung auf und lesen von Einsparungen, lesen davon, dass Bibliotheken geschlossen werden, dass die Gruppen in den Kitas größer werden, dass es keine Hörgeräte mehr für die Alten gibt usw.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Sie können dieselben Schlagzeilen in deutschen Zeitungen lesen, wenn auch die Dimensionen andere sind und Deutschland nie der Wohlfahrtsstaat war wie Schweden. Aber lassen Sie uns noch ein wenig auf die Träume zu sprechen kommen. Sie gehen in "Der Tote im Schnee" auch der Frage nach, wie es kommt, dass das Leben des einen in geordneten Bahnen verläuft, und das des anderen nicht, dass manche außerhalb der Gesellschaft landen und kriminell werden und andere nicht. Woher das Interesse an dieser Frage?

Kjell Eriksson:
Für mich ist das die natürlichste Frage, die es gibt: Warum passiert all das? Ich bin an gesellschaftlichen Entwicklungen interessiert und nehme auch an gesellschaftlichen Debatten teil, so wie es viele schwedische Krimiautoren tun. Wir betrachten unsere Bücher auch als einen Beitrag in dieser Diskussion, nicht in der Form von politischen Pamphleten oder Flugblättern, aber wir leisten einen Beitrag. Ich gebe auch auf diese Frage in meinem Roman keine klare Antwort. Ich bin genauso fragend wie Lennart es ist oder Sammy. Wenn ich herausgefunden habe, wie alles zusammenhängt, dann bekomme ich vielleicht den Nobelpreis...

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Andererseits muss man sagen, dass die Frage nicht unbedingt neu ist...


Buchtipp
Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
Kjell Eriksson:
Nein, das ist richtig. Sie wird immer und immer wieder gestellt. Zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Kulturen. Ich betrachte es als großes Plus meiner Bücher, dass sie sich den Menschen und Milieus aus einer anderen Richtung nähern, dass sie Milieus beschreiben, die etwas 'außerhalb' liegen sozusagen. Also, letztlich stellen wir uns doch alle die Frage, warum das Leben so ist, wie es ist. Sind es die Gene? Ist es reiner Zufall? Auch Lennart macht sich ja so seine Gedanken und denkt dabei an Teodor, den Hausmeister. Teodor repräsentiert in dem Buch, auch für mich, das Gute in der Gesellschaft. Alle, die auf der Ymlegatan wohnen, können Teodor identifizieren, denn Teodor entspringt direkt der Wirklichkeit. Er hieß Tage und seine Töchter riefen mich sofort an, nachdem sie das Buch gelesen hatten. Sie waren sehr gerührt. Eine ältere Frau, die auch noch auf der Ymlegatan wohnt, fragte mich, als ich sie einmal besuchte,: 'Erinnerst du dich, Kjell, erinnerst du dich, wie schön er gearbeitet hat?' Sie meinte Teodor/Tage. Das ist eine so treffende Formulierung, und so wichtig! Normalerweise bringt man die Arbeit eines Hausmeisters nicht mit Schönheit in Verbindung, aber sie hat das Verständnis dafür, das Schöne in dieser Arbeit zu sehen. Ich hatte das Privileg, mit ihm zusammenzuarbeiten, und auch darin liegt ein Traum, dass auch ein Hausmeister seine Arbeit 'schön' machen kann. Ich beschreibe in dem Roman das andere, das nicht-akademische Uppsala, und dass das für die Menschen wichtig ist, merkte ich, als ich einmal in Uppsala in einer Buchhandlung meine Bücher signierte. Da kam eine Frau rein und rief laut, sodass es alle hören konnten: 'Dieser Tag muss im Kalender rot angestrichen werden!' Alles schaute sie an und ich fragte: 'Warum?' 'Sehen Sie diesen Mann da?' antwortete sie, und alle schauten den Mann an, der sehr geniert aussah, weil alle Blicke auf ihn gerichtet waren. 'Sehen Sie diesen Mann da? Er war noch nie in seinem ganzen Leben in einem Buchladen und heute kauft er sein erstes Buch, und wissen Sie warum?' 'Nein', sagte ich und sie antwortet wieder ebenso laut: 'Er heißt Kjell Eriksson! Genau wie Sie!' Ein paar Wochen später habe ich sie auf einem Markt getroffen und sie kam direkt auf mich zu, als sie mich entdeckt hatte, und rief schon von weitem: 'Ich habe es gelesen, dieses Burundi-Buch da!' 'Und wie fanden Sie es?' 'Es ist so herrlich, von unserem Uppsala zu lesen und nicht von dem der anderen.' Damit hat sie im Grunde meine Theorie vom 'geteilten Uppsala' bestätigt, vom Uppsala, das durch den Fluss in ein Arbeiter- und ein Akademiker-Uppsala geteilt wird.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Und was sagt das 'andere', das 'akademische' Uppsala zu Ihren Büchern?

Kjell Eriksson:
Die Resonanz in Uppsala ist enorm. Ich werde von allen möglichen Clubs und Vereinigungen eingeladen, vom Künstlerverbund der schwedischen Kirche, von Pensionärsclubs, von Frauenvereinigungen, von den Uppsalaer Landfrauen usw. Das sind allesamt sehr liberale, sehr freundliche und nette Menschen. Ich finde es sehr wertvoll, dass meine Bücher auch von diesen Menschen gelesen werden und dass sie auch für sie von Bedeutung sind. Ich hätte nicht gedacht, dass das funktioniert, aber es ist schön. Vor allem auch für die vielen Studenten, die nach Uppsala kommen, sind meine Bücher sehr hilfreich. Sie leben zwischen diesen beiden Uppsalas in einer eigenen Welt, und für sie sind meine Romane, eine große Hilfe, die Stadt etwas besser kennenzulernen.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Herr Eriksson, wir danken Ihnen für das Gespräch!


Autorin:
Alexandra Hagenguth/ KONTEXTE - Wissensportal für Text, PR, skandinavische Sprachen und Literaturen
© November 2003 - Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien
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