Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
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Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
 
Arne Dahl - Sieben minus eins

Interview mit dem Autoren Arne Dahl

Der Blick ins eigene Herz - Im Gespräch mit Arne Dahl

"Nun ist die alte amerikanische Marionette Saddam wieder zu einem ‚pain in the ass' geworden…" - Arne Dahl ins Herz geblickt und auf den Mund geschaut

Literaturportal schwedenkrimi.de: Die erste Frage ist eine Verständnisfrage und gilt der Reihenfolge Ihrer Bücher: Wenn ich es richtig verstanden habe, dann haben Sie "Böses Blut" zuerst geschrieben (1998), dann kam "Misterioso" (1999), das aber chronologisch gesehen doch der erste Roman ist, oder? War es nicht von Anfang an geplant, eine Reihe über Paul Hjelm und die A-Gruppe zu schreiben?

Der schwedische Autor Arne Dahl Der schwedische Autor Arne Dahl
Der schwedische Autor Arne Dahl Der schwedische Autor Arne Dahl
Der Autor Arne Dahl, der eigentlich Jan Arnald heißt.
Arne Dahl: "Misterioso" habe ich praktisch zuerst geschrieben, aber der Verlag war träger als ich. Bevor sie zum Schuss kamen, hatte ich bereits ein weiteres Buch geschrieben, "Böses Blut". Sie kamen dann auf die Idee, dass das neue Buch, "Böses Blut", zuerst veröffentlicht werden sollte. Ich weiß eigentlich immer noch nicht warum. Die "richtige" Reihenfolge ist also "Misterioso" zuerst und dann "Böses Blut" - so wie in Dänemark und Deutschland, nicht so wie in Schweden.
Ich glaube nicht, dass ich bei "Misterioso" schon daran gedacht habe, eine ganze Reihe zu schreiben. Ich hoffte am meisten, dass der Verlag überhaupt ein einziges Buch herausgeben würde. Mitte der 90er war es in Schweden eine sehr harte Zeit zum Veröffentlichen, die ökonomische Krise hatte die Verlage geizig gemacht. Es gab Zeiten, in denen durfte überhaupt kein einziger neuer Autor bei den großen Verlagen debütieren. Es war kaum die Lage, zehn Bücher in Folge zu planen.

Literaturportal schwedenkrimi.de: Wenn man nun mit "Misterioso" beginnt - so wie ich es getan habe -, bekommt man dennoch das Gefühl, dass es sich um einen sehr durchdachten ersten Roman handelt, dass der Verfasser doch vom ersten Buch an vor hatte, noch weitere folgen zu lassen. Das ganze wirkt sehr strategisch. Stimmt der Eindruck. Gab bzw. gibt es sozusagen einen "übergeordneten Plan"?

Arne Dahl: Während ich an "Misterioso" schrieb, stellte sich heraus, dass die gesamte Struktur sehr logisch angelegt und für eine Fortsetzung geeignet war. Ich liebe die kollektive Form, so dass man nicht an einer einzigen Hauptperson kleben bleibt, die zudem unerhört faszinierend sein muss, damit sie den Leser Buch für Buch für sich gefangen nimmt. In der schwedischen Kriminalliteratur gibt es mehrere abschreckende Beispiele dafür, dass Reihen sterben, weil sie viel zu sehr nur auf einem Charakter basieren. Nein, die Form beinhaltete die Möglichkeit, zwischen vielen verschiedenen Hauptpersonen zu wechseln, von Buch zu Buch, und dennoch die Grundform mit der A-Gruppe beizubehalten. Ich glaube, dass eine Reihe kollektiv aufgebaut sein muss, um zu überdauern.

Als es für die ersten beiden ziemlich gut ging, beschloss ich, mich selbst etwas unter Druck zu setzen und öffentlich zu machen, dass ich eine Reihe von zehn Büchern schreiben wolle. Das ist die klassische Marke für schwedische Kriminalautoren mit Sjöwall/Wahlöös "Roman über ein Verbrechen" als Dokument. Jetzt, wo ich sechs geschrieben habe, finde ich, dass die Charaktere sich ungefähr so entwickelt haben, wie ich es gehofft hatte, sie sind selbständiger und haben an Kontur gewonnen.
Ob es einen "übergeordneten Plan" für alle zehn Bücher gibt, will ich nicht verraten. Wer lange genug bei der Stange bleibt, wird es erfahren.

Literaturportal schwedenkrimi.de: In Ihren Romanen kommt viel Spezialwissen vor: In "Misterioso" erfährt man u.a. sehr viele Details über Jazz, über die schwedische Wirtschaft während der 80er und 90er Jahre, darüber, wie die Banken sich verhielten, über die russische Mafia, über die Ordenswelt und über die schwedische Polizei als Organisation. Wieviel Zeit benötigen Sie, bevor Sie überhaupt mit dem Schreiben anfangen können und woher beziehen Sie all Ihr Detailwissen?

Arne Dahl: Ich bin ganz einfach jemand mit gutem Allgemeinwissen und einem gesunden Instinkt für das, was in der Gegenwart geschieht. Ich würde es ungefähr so beschreiben: Krimis sind eine recht gute Art und Weise, das den Geschehnissen der Gegenwart innewohnende Verbrechen hervorzulocken. Man muss nur ein bisschen die Augen offen halten, ganz einfach.

Literaturportal schwedenkrimi.de: Haben Sie vielleicht selbst einen "Informanten" bei der Polizei oder woher kennen Sie all die Interna? Gibt es eine solche A-Gruppe tatsächlich?

Arne Dahl: Die schwedische Polizei würde sicher von einer solchen A-Gruppe träumen, die sich nur um die besonders kniffligen Fälle kümmert, aber soweit ich weiß, gibt es nichts dergleichen. Die A-Gruppe ist auf eine Art eine Utopie von einer humanistischen, klugen und objektiven Rechtsinstanz. Es handelt sich dabei also mehr darum, wie ich finde, dass es sein sollte als wie es tatsächlich ist. Aber natürlich muss man ein gewisses Gespür für die Polizeiarbeit haben - jedoch keinen Informanten.

Literaturportal schwedenkrimi.de: Wenn ich Paul Hjelm charakterisieren sollte, würde ich sagen, dass er zu Beginn (in "Misterioso") eigentlich ein ganz gewöhnlicher Polizist ist, der seinen Job gut macht, aber nur wenig von Musik (Jazz) oder größeren und tieferen ökonomischen Zusammenhängen versteht. In "Böses Blut" hat er dann einige Veränderungen durchlaufen, er hat angefangen, Jazz zu hören und Kafka zu lesen. Warum diese Veränderung? Warum durfte er nicht so bleiben wie er war?

Arne Dahl: Am Anfang der Reihe, die nun in Deutschland erschienen ist, war Paul Hjelm noch mehr die Zentralgestalt als er es mittlerweile ist. Da war es wichtig, dass er einige Veränderungen durchlief. Der Fall beißt sich in ihm fest und er lässt sich von ihm beeinflussen. Er findet auf einmal Lücken in seiner Existenz, die er versucht, zu füllen, unter anderem mit Literatur und Musik. Er sucht ganz einfach, ein besseres Leben zu finden über die Wege, über die er zufällig stolpert. Er will Veränderung, obwohl er davon nichts wusste, bevor sein Leben zu Beginn von "Misterioso" auf den Kopf gestellt wurde.

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Literaturportal schwedenkrimi.de: Wie würden Sie selbst Paul Hjelm und die anderen der A-Gruppe charakterisieren?

Arne Dahl: Die A-Gruppe, das bin ich. Ich schuf sie als Aspekte meiner selbst. Dann ist sie in alle möglichen Richtungen gewachsen. Ob ich selbst mit der Veränderung der Figuren Schritt gehalten habe, ist eine ganz andere Frage. Paul Hjelm ist die Hauptperson der ersten zwei Bücher, und natürlich auch in den zukünftigen wichtig, aber dann werden es doch etwas verschiedene Hauptpersonen.

Paul Hjelm hat am meisten von mir. Er durfte meine eigene Unsicherheit im Leben tragen, aber auch meinen, tja, etwas widerspenstigen Willen zur Veränderung.

Kerstin Holm ist in dem Fall meine weibliche Hälfte - sie sind einander sehr ähnlich, Paul und Kerstin. So als ob es den Geschlechterunterschied nicht richtig gäbe. Sie ist wohl etwas lebensklüger als er (wie gewöhnlich), aber auch mit einem Bündel beladen, das ihr nicht immer gelingt, zu tragen. Sie ist die Hauptperson in "De största vatten", Buch Nr. fünf.

Arto Söderstedt ist mein kluges und freies Ich, ganz unabhängig von der Außenwelt, meine Hoffnung, das tun zu können, was ich tun will. Ist er vielleicht der wahre Held der Bücher? Hauptperson in "Europa Blues", Buch Nr. vier.

Jan-Olov Hultin könnte sehr gut das Bild sein, das ich möchte, das meine Töchter von mir haben. Ein richtig guter Vater, ganz einfach. Und nicht ganz so neutral wie er selbst glaubt zu sein...

Gunnar Nyberg durfte mein schlechtes Gewissen tragen - wahrscheinlich ist er deswegen so groß geworden -, aber er ist auch die Gnade, die Möglichkeit zur Versöhnung mit dem trotz allem guten Leben. Hauptperson in "Upp till toppen av berget", Buch Nr. drei.

Viggo Norlander ist mein schlichtes Ich, aber auch die Möglichkeit der Verwandlung, das scheinbar hoffnungslose Arme, das einer Larve gleich seine Metamorphose durchläuft, ohne zu sehr darüber nachzudenken.

Jorge Chavez ist meine Energie, wenn sie am stärksten ist. Er ist die List und Unbändigkeit, er ist Arne Dahl, wenn er sich weigert zu schlafen, weil er weiter schreiben muss. Hauptperson in "En midsommarnattsdröm", Buch Nr. sechs.

Literaturportal schwedenkrimi.de: Wie ich schon weiter oben erwähnte, empfand ich "Misterioso" als sehr strategisch. Außerdem wurden verschiedene Spuren ausgelegt, wer der Mörder sein könnte, die sich auf einem relativ hohen Niveau bewegten (Mafia, Wirtschaftskriminalität, Mimerorden). Aber die Lösung selbst ist sehr persönlich. Das erschien zumindest mir etwas konstruiert. Warum gerade diese Lösung des Falls nach all den tiefen Einblicken in Wirtschaft, Mafia und Ordenswelt?

Arne Dahl: Ich verstehe, was Sie meinen. Der Punkt ist der, dass das Persönliche politisch ist und das Politische persönlich. Das großpolitische Spiel - der schwedische Finanzcrash, der Einfluss der russischen Mafia, das Ordenswesen für eine ausgesuchte Oberklasse - nimmt Platz in den Charakteren ein: Sonst wird es nicht Literatur. Es muss davon handeln, wie einzelne Personen davon betroffen sind, ganz persönlich von dem großen politischen Spiel. Das muss gestaltet werden, in Individuen inkarniert werden. Das betrifft Polizisten so gut wie Verbrecher. Außerdem muss es in jedem Krimi falsche Fährten geben - und die falschen Fährten sind oft mindestens genauso interessant wie die Hauptspur.

Literaturportal schwedenkrimi.de: Noch eine Frage zum "Projekt Paul Hjelm": Wann und wie wurde die Idee von Paul Hjelm und der A-Gruppe geboren und wann begannen Sie zu schreiben?

Arne Dahl: Mit dem Schreiben fing ich um 1995 an. Da hatte ich bereits - unter meinem eigentlichen Namen - ein paar Bücher veröffentlicht und war als Literaturkritiker und -forscher tätig. Aber meine eigene Schriftstellerei ging nur langsam voran, ich wurde sehr eigenartig beurteilt, fand ich, nicht zuletzt von den Kritikern. Also erschuf ich eine parallele Verfasserexistenz, wo ich von Null anfangen konnte, nur mit den Texten als Bewertungsgrundlage. Einfach nur Text. Dass es Krimis wurden, liegt wohl daran, dass ich sehr viele Krimis als Jugendlicher las. Die Struktur war praktisch schon in mir.

Literaturportal schwedenkrimi.de: Wie und wo finden Sie Ideen für Ihre Krimis?

Arne Dahl: Sie beruhen auf Geschehnissen der Gegenwart. Ich versuche, sehr aktuelle Kriminalromane zu schreiben, tief verankert in der Gegenwart. Ich versuche ganz einfach, am Ball zu bleiben. Sollte ich eine Hauptquelle für meine Ideen nennen, so wären es wohl die Tageszeitungen. Dicht gefolgt vom Internet. Die eher kultivierten literarischen Strukturen sind schon in mir. Die Gegenwart ist der Funke, der den Mythos entzündet.

Literaturportal schwedenkrimi.de: Man sagt, dass es zehn Bände von der A-Gruppe geben wird. Warum gerade zehn?

Arne Dahl: Eine klassische Ziffer in der schwedischen Kriminalliteratur. Für meinen Teil ist das Vorbild glasklar: Sjöwall/Wahlöös Reihe "Roman über ein Verbrechen" aus den 60er und 70er Jahren. Ich habe wirklich nichts dagegen, als deren wahrer Nachfolger zu gelten. Außerdem war es eine gute Art, mich selbst nach zwei Büchern unter Druck zu setzen: früh an die Öffentlichkeit zu treten und zu sagen, dass man zehn Bücher schreiben werde. Das ist nur schwer wieder zurückzunehmen.

Literaturportal schwedenkrimi.de: Auf Ihrer Homepage gibt es ein "Notizbuch", in dem u.a. das steht: "... der Mangel an Selbsterkenntnis ist Kennzeichen jeder rigiden Struktur - keine Wahrheit kann ohne Selbsteinsicht erreicht werden, und genau darin werden diese Polizisten gut: in ihr eigenes Herz zu blicken, denn es ist immer dort, wo die Lösung liegt..." Bereits im ersten Buch "Misterioso" erhält Paul Hjelm folgerichtig den Auftrag, in sein Herz zu blicken. Was bedeutet diese Selbsteinsicht für die A-Gruppe und ihre Helden? Ist es eine Art leitendes (psychologisches) Motiv?

Arne Dahl: Ja. Genau das ist der Vorteil mit einem Kollektiv als Hauptperson. Man kann sozusagen verschiedene Themen in verschiedenen Personen versenken. Es ist ein durchgängiges Motiv der Bücher, dass die Polizisten auf verschieden Weise gezwungen werden in ihre Herzen zu sehen.

Literaturportal schwedenkrimi.de: Lassen Sie uns ein wenig über "Böses Blut" sprechen: Auch hier wieder viel Detailwissen, vor allem darüber, wie man während des Vietnamkrieges mordete. Wissen Sie, ob es ein solches oder ähnliches Commando Cool tatsächlich gegeben hat?

Arne Dahl: Die Rolle der Folter während des Vietnamkrieges ist relativ gut dokumentiert, ebenso wie die Existenz heimlicher Verbunde verschiedener Art, oft reine Mordallianzen. Auch wie die amerikanischen Soldaten davon beeinflusst wurden, das Veteranensyndrom, ist ein ganz gut dokumentiertes Faktum. Sehr viele wurden auf unterschiedlichste Weise gebrochen. Ihre Mitmenschlichkeit starb. Commando Cool und ihre spezielle Art der Folter ist jedoch erfunden, aber es könnte genauso gut wahr sein.

Literaturportal schwedenkrimi.de: "Böses Blut" erinnerte mich sehr stark an Sigurd Hoels "Begegnung am Meilenstein" (Møte ved milepelen), ein Roman, der während des zweiten Weltkrieges spielt und ebenfalls den Vatermord bzw. Vater-Sohn-Konflikt zum zentralen Thema hat. Ist das reiner Zufall oder Absicht?


Buchtipp
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Arne Dahl: Ich habe Hoel schon früh auf norwegisch gelesen. Ich habe aber praktisch nicht an den Zusammenhang gedacht, bevor Sie es erwähnten, aber stimmt, da gibt es einen Zusammenhang. Das hat sicher damit zu tun, wie sich Bücher bei mir "festsetzen"; die Strukturen festigen sich und werden grundlegend. Es ist also keine absichtliche Parallelität. Aber Sie haben Recht, dass der Vater-Sohn-Konflikt der tragende Konflikt in "Böses Blut" ist. Er ist auf sehr vielen verschiedenen Ebenen wirksam.

Literaturportal schwedenkrimi.de: Ein Vatermord, der auf verschiedenen Ebenen ein Sohnmord wird, ein Vater-Sohn-Konflikt bei verschiedenen Protagonisten und ein Ödipus-Komplex, wenn auch mit entgegengesetzten Zeichen: Ist "Böses Blut" ein psychoanalytischer Roman?

Arne Dahl: In gewisser Hinsicht. Es geht um Vaterschaft und Schuld. Zu dem Zeitpunkt, als ich den Roman schrieb, war das für mich in meinem Leben ein sehr aktuelles Thema. Auch die psychoanalytische Suche nach der Wahrheit ist eine Art Detektivarbeit. Für mich sind die Parallelen sehr deutlich. Die Psychoanalyse stellt genau wie die Religion ausgezeichnete Fragen - es sind die Antworten, mit denen man vorsichtig sein sollte.

Literaturportal schwedenkrimi.de: Welche Rolle spielen Frauen - Mütter und Ehefrauen - in dem ganzen? Verglichen mit den männlichen Protagonisten bleiben sie sehr blass. Spielen sie überhaupt eine Rolle oder sind wir für immer in dem Muster der alten Männer, die den jüngeren das töten und hassen lehren, gefangen?

Arne Dahl: Männlicher Hass ist der Vater aller Verbrechen. Aber Arne Dahls Bücher werden immer weiblicher ausgerichtet. Die ersten beiden sind gewiss die "männlichsten". Dann wird vor allem Kerstin Holms Rolle ausgebaut, aber auch ein paar neue weibliche Polizisten tauchen auf. Ein Rezensent schrieb über die späteren Bücher: "Er schreibt wie ein Mann, aber denkt wie eine Frau." Zu der Zeit dachten die Kritiker oft, dass Arne mehrere Personen war: ein Mann und eine Frau wie bei Sjöwall/Wahlöö. Wenn ich mir die ersten Bücher ansehe, finde ich auch, dass die Frauen unnötigerweise eine verdeckte Rolle innehaben. Das haben sie aber jetzt nicht mehr. Arne wurde feminisiert...

Literaturportal schwedenkrimi.de: Wir stehen praktisch vor einem Irakkrieg - dies, d.h. den Golfkrieg, thematisieren Sie auch in "Böses Blut". Was glauben Sie: Gibt es wirklich keine Alternative zwischen islamistischem Fundamentalismus und amerikanischem Kapitalismus?

Arne Dahl: Eine große und schwierige Frage. Ich erzähle praktisch schon in "Böses Blut" von Bin Laden und wie die El-Kaida von den Amerikanern mit Waffen versorgt wird. Das war lange vor dem 11. September. Und Iraker spielen die Hauptrollen. Nun ist die alte amerikanische Marionette Saddam wieder zu einem "pain in the ass" geworden, ein Zeichen amerikanischer militärischer Fehlschläge. Bush ist lebensgefährlich in seiner unverblümten Jagd nach Weltherrschaft. Ich fürchte wirklich, dass die USA so gehasst sein werden, dass es kein Zurück mehr gibt.
Das Positive in dem Zusammenhang für einen alten Europaliebhaber ist die neue Friedensallianz zwischen Frankreich und Deutschland. Darin liegt eine paradoxe Hoffnung. Ich hoffe, dass die EU sich nicht nur zu einer parallelen USA entwickeln wird, sondern dass es einen mehr humanistisch ausgerichteten europäischen Kapitalismus geben wird (denn eine reelle Alternative zum Kapitalismus ist schwer zu sehen). Rein utopisch gesprochen würde ich gerne einen humanistischen, demokratischen, undogmatischen Kultursozialismus die Überhand gewinnen sehen nach Jahrhunderten des Raubbaus an Mensch und Natur, aber das bleibt eine Utopie.

Literaturportal schwedenkrimi.de: Überhaupt scheinen Ihre Romane keine leichte Kost zu sein: In "Upp till toppen av berget", das wohl im Sommer auf Deutsch erscheint, stammt ein durchgehendes Motiv aus Ovids Metamorphosen. Wieviel muss man denn davon wissen, um Ihre Romane verstehen zu können?

Arne Dahl: Meine Krimis sind nicht schwerer als andere auch. Ich stelle überhaupt keine Ansprüche an die Belesenheit meiner Leser. Ich wollte nur nicht vor der "Hochkultur" zurückweichen. Das ist mein pädagogischer Anspruch: die Schwelle zwischen Hoch- und Populärkultur auszuradieren. Meine Krimis sollen auf verschiedenen Ebenen gelesen werden können. Auf einer Ebene sind es ganz gewöhnliche Krimis. Ich kann genauso gut Ovid und Shakespeare anwenden wie die russische Mafia und Drogenabhängige. Alles ist ein Teil derselben Welt. Ich finde nicht, dass Krimis zu der enormen Kulturverachtung in der Welt beitragen müssen.
Das, was ich machen wollte, war, einen Qualitätskrimi zu schreiben, nur ein wenig besser als der Durchschnitt, jedoch ohne dass man es irgendwie merkt, außer durch den Leseeifer beim Leser selbst. Druck, Spannung und Nägelkauen und alles, was einen Krimi zum Krimi macht, kann nur durch stilistische Qualität nützen.

Literaturportal schwedenkrimi.de: Arne Dahl ist ein Pseudonym. Vielleicht können Sie uns abschließend noch einige Tipps geben, wer Arne Dahl wirklich ist. Was z.B. macht Arne Dahl, wenn er nicht gerade Krimis schreibt?

Arne Dahl: Ich heiße Jan Arnald, habe bisher sechs Bücher unter eigenem Namen veröffentlicht, zuletzt den Roman "Barbarer" (2001), ich bin Redakteur für zwei Literaturzeitschriften, Literaturforscher und -kritiker. Ich bin 40 Jahre alt und wohne mit Frau und zwei Töchtern, 12 und neun Jahre alt, in Stockholm. Ich interessiere mich für Musik, spiele einige Instrumente, mag auch Sport und laufe Ski und spiele Fußball. Ich reise viel mit meiner Familie, gerne hierhin und dorthin in Europa und habe ein Jahr lang in Berlin gewohnt. Ich habe eine kleine Schreibstube draußen in den Schären vor Stockholm, wo ein großer Teil der Texte Arne Dahls entstanden sind. Ich schreibe viel, lese noch mehr und bin sicher ein ziemlich netter, aber nicht ganz unkomplizierter Mensch. Ich glaube, dass ich ein guter Vater bin.

Literaturportal schwedenkrimi.de: Herr Dahl, vielen Dank für das Gespräch!

Autorin:
Alexandra Hagenguth/ KONTEXTE - Wissensportal für Text, PR, skandinavische Sprachen und Literaturen
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