Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
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Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
 
Arne Dahl - Sieben minus eins

... von Dr. sc. phil. Hainer Plau

Sven Elvestad gilt als der Begründer der norwegischen Kriminal- bzw. Detektivgeschichte, und sein Detektiv Asbjörn Krag wird nicht selten als der norwegische Sherlock Holmes bezeichnet. In der Tat spricht vieles dafür, daß Holmes und Krag nahe Verwandte sind. Krag ist der jüngere von beiden. Als Elvestad diese Figur erfand, war der Meisterdetektiv aus England schon gut zwanzig Jahre lang damit beschäftigt, Übeltätern, die so fiktiv waren wie er selbst, das Handwerk zu legen.

Was Krag mit Holmes vor allem verbindet, ist die Perfektion in der Beherrschung der „detektivischen Methode“, jener Verfahrensweise, die darin besteht, genau zu beobachten, das Beobachtete klar zu analysieren und zutreffend zu bewerten und dann mit Hilfe der Technik des Kombinierens daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Eine andere Gemeinsamkeit bezieht sich auf die Fertigkeit des Sichverstellens und Sichverkleidens, die auch Krag vorzüglich zu nutzen weiß. Auffällig auch eine weitere Übereinstimmung: die Zurückhaltung der Meister, solange ihre Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind. Einsilbig wie sein großes Vorbild, ergeht sich auch Krag den Menschen seiner Umgebung gegenüber nur in kurzen Andeutungen über das, was sie, stellvertretend für den Leser, zu erfahren so begierig sind; übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie Literatur Instrumentales als Personales in Funktion setzen kann: in diesem Fall tritt eine bestimmte Technik, nämlich mit Andeutungen zu operieren, um damit Spannung zu erzeugen, als Charakterzug des Helden in Erscheinung. Freilich bestehen zwischen den beiden Figuren auch Unterschiede. Während Sherlock Holmes als Privatdetektiv arbeitet und mit Scotland Yard höchstens kooperieren kann, ist Asbjörn Krag selbst Polizist, Angehöriger der Detektivabteilung der Polizei in Kristiania, dem heutigen Oslo, was seiner Arbeit, im amtlichen Auftrag und mit einem kriminaltechnischen und polizeidienstlichen Apparat zur Seite, natürlich ungemein zum Vorteil gereicht.

Wie die Erzählungen um Sherlock Holmes, so sind auch die Asbjörn-Krag-Geschichten ausgesprochene Rätselkrimis. Aber Elvestad zeigt sich bemüht, dem Schema dieses Genres eine neue, originelle Variante abzugewinnen. Beispiele dafür im vorliegenden Band sind die beiden Erzählungen „Das Geheimnis des Alten“ und „Die weiße Dame“. Hier steht im Unterschied zu den gängigen Rätselkrimis, zu denen auch die dritte Geschichte dieser Sammlung „Vom Nutzen des Todes“ zu rechnen ist, demonstrativ nicht der Detektiv im Mittelpunkt, vielmehr sind es ein Freund und eine flüchtige Bekannte von Krag. Von ihnen erfährt er, was geschehen ist und was seine Anwesenheit am Tatort schließlich erforderlich macht. Aus ihrer Perspektive wird erzählt. Daraus ergibt sich allerdings ein Problem, das von Elvestad aber weder zum Gegenstand von Erörterungen gemacht noch als Mittel zur Dramatisierung der Handlung eingesetzt wird; vermutlich hat er es gar nicht als solches bemerkt. Die Freunde und Bekannten von Krag müssen nämlich mindestens ebenso gut wie der Detektiv selbst observieren und das Beobachtete, von allem Nebensächlichen und Zufälligen befreit, außerdem noch präzis in eine schriftliche Form bringen können. Das verlangt Schulung, Übung, Praxis – Voraussetzungen, die diesen Personen einfach unterstellt werden. Immerhin geben ihre Berichte die Grundlage dafür ab, daß Krag die richtigen Schlüsse ziehen und die Fälle lösen kann. Wenn also schon Pastorennichten wie die noch sehr junge Wilhelmina Berge in der „Weißen Dame“ in der Lage sind, genau zu beobachten und das Wesentliche herauszufinden, und auf diese Weise deutlich machen, daß dies im Grunde keine Besonderheit, sondern eher etwas Normales ist, dann wird schon viel vom Lack des großen, erfahrenen Detektivs abgekratzt. Freilich kann man die Sache auch andersherum betrachten: Die Beobachtungen der Gewährspersonen und damit ihre Berichte sind gar nicht so gut, und trotzdem gelangt der Detektiv zu den richtigen Schlussfolgerungen. Das allerdings würde sein Ansehen ungemein erhöhen. Elvestad selbst sagt nichts darüber aus und hat sich damit einer guten Möglichkeit beraubt, die Figur seines Detektivs, die zumindest hier immer etwas farblos wirkt, ein wenig mehr Profil zu geben.

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Die vorliegenden Detektivgeschichten zeichnen sich aber noch durch eine andere Eigenart aus. Elvestad liebt es offensichtlich, das Rätselhafte im Gewande des Mysteriösen darzubieten. In allen drei Erzählungen umweht das eigentliche Geheimnis ein Hauch von Irrationalismus, wodurch die  Geschichten ganz entfernt in die Nähe der englischen gothic novels rücken. Hier scheint ein Toter ins Leben zurückgekehrt, da geistert ein schlohweißes Wesen durch die Nacht, dort finden in einer Villa unheimlichen Begebenheiten statt, und hier und da scheuen plötzlich Pferde ohne einen ersichtlichen Grund dafür. In der Erzählung „Die weiße Dame“ greift Elvestad auf die Volksglaubenvorstellung von der weißen Frau zurück. In früheren Jahrhunderten war diese Vorstellung, ursprünglich ein Bestandteil des Toten-glaubens, übrigens auch in Deutschland allgemein verbreitet. Spuren davon finden sich verschiedentlich in Volkssagen wieder. Verstanden als Mittelding zwischen Seelenwesen und Dämon, gehört die weiße Frau in der Regel zu den Verkörperungen des negativen Prinzips; ihr Erscheinen verheißt fast immer Unglück und vor allem Tod. Zumeist sind es schuld- oder fluchbeladenen Verstorbene, die in dieser Weise ihr Unwesen treiben, vielfach handelt es sich um Ahnmütter fürstlicher Geschlechter, weshalb Schlösser zu ihren bevorzugten Spukplätzen gehören. Aus deutschen Quellen sind etwa Berichte über das Umgehen solcher Frauen aus Schlössern in Altenburg, Ansbach, Bayreuth, Berlin, hier sogar noch aus der Mitte des 19.Jahrhunderts, aus Cleve, Darmstadt usw, bekannt. Aber auch andere Örtlichkeiten kamen als Wirkungsfeld in Betracht. Warum also nicht auch der alte Pfarrhof von Orreröd?

Die Menschen, die in diesen Glaubensvorstellungen fest verwurzelt waren, hielten die weiße Frau natürlich für eine reale Erscheinung. An diesem Phänomen knüpft Elvestad an, setzt aber sofort die Gegenposition als Meinung des Pfarrers hinzu, der schon von Amts wegen, als Hüter des christlichen Glaubens, gehalten ist, diesem Blendwerk, wie er es nennt, entgegenzutreten. Als er jedoch selbst der gespenstischen Erscheinung gewahr wird, fährt auch ihm der Schreck in die Glieder. Aber es müsste kein Krimi sein, wenn am Ende nicht die rationalistische Auflösung alles Geheimnisvollen, Unheimlichen und Rätselhaften stünde. Damit reiht sich auch diese Geschichte in jene lange Traditionslinie ein, die in ihrem Ursprung auf die Schauerromane der Aufklärung zurückgeht.

Auf welche Weise Elvestad mit Glaubensvorstellungen dieser Art in Berührung gekommen ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Vielleicht haben seine beruflichen Interessen damit zu tun;  sein eigentliches Betätigungsfeld war der Journalismus.


Buchtipp
KOMA
Als Kristoffer Elvestad Svendsen wurde er am 7. September 1884 als Sohn des Schiffsführers Karl Edvin Svendsen und dessen Ehefrau Adolfine Helene geborene Elvestad in Fredrikshald, einer mittelgroßen Stadt im Südosten Norwegens (seit 1928 Halden), unweit der Grenze zu Schweden, geboren. Schon als ganz junger Mann gab er in seiner Geburtsstadt ein Wochenblatt heraus. Als Zwanzigjähriger ging er nach Kristiania (seit 1924 Oslo), wo er als Journalist am „Ørebladet“ und für „Fri Presse“ arbeitete. Später wurde er Mitarbeiter und Korrespondent der Zeitungen „Tidens Tegn“ und „Aftenposten“. Bereits 1913 ist eine Auswahlsammlung seiner Artikel und Korrespondenzen unter dem Titel „Aar og dag“ („Jahr und Tag“) als Buch erschienen. Am 18. Dezember 1934 ist er in Oslo gestorben.

Elvestad hat insgesamt etwa vierzig Kriminal- bzw. Detektivgeschichten verfasst. Sein Debüt gelang ihm mit „Manden i Maanen og den lille blaa. Af Kristiania-Detektiven Asbjørn Krags Oplevelser“ (1907); dies war auch die Geburtsstunde seines Helden Asbjörn Krag. Als besonders gelungen gelten dabei die Romane „Jernvognen“ (1909, deutsch: „Der eiserne Wagen“, 1913) und „De fortaptes hus“ (1912; deutsch: „Das gestohlene Haus“, 1913). Um die Krimis von seinen journalistischen und literarisch anspruchsvolleren Arbeiten abzugrenzen, hat er sie zumeist unter dem Pseudonym Stein Riverton veröffentlicht.
Von seiner übrigen literarischen Produktion sind vor allem der psychologische Roman „Angsten“ (1910) und die beiden gesellschaftskritischen Werke „Fædrelandets have“ (1915) und „Professor Umbrosus“ (1922), eine phantastische historisch-politische Satire im Stile von Swifts „Gullivers Reisen“, zu nennen.

Bekannt geworden über die Grenzen seines Landes hinaus ist Elvestad aber nicht mit diesen Werken, sondern mit seinen unterhaltsamen Kriminal- und Detektivgeschichten. Besonders im Nachbarland Schweden und in den deutschsprachigen Ländern, hier vor allem in den zwanziger, aber auch noch in den dreißiger Jahren, haben viele seiner Krimis ein dankbares Publikum gefunden, sein Meisterdetektiv Asbjörn Krag war damals zu einer populären Figur geworden. Der zweite Weltkrieg hat diese Popularität beendet. Danach waren Krag und sein Erfinder Elvestad trotz einiger weniger Neuauflagen beim deutschsprachigen Krimileser praktisch vergessen, und daran hat sich bis heute im Grunde nichts geändert.
Mit der vorliegenden Ausgabe wird deshalb an eine alte, dann aber gewaltsam abgerissene Verbindung wieder neu angeknüpft.

September 1988, Hainer Plaul

Das Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien dankt Dr. sc. phil. Hainer Plaul für die Erlaubnis den Essay hier zu veröffentlichen. Er wurde als Nachwort in dem Buch "Das Geheimnis des Alten" 1988 zum ersten Mal veröffentlicht.


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