Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
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Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
 
Arne Dahl - Sieben minus eins
Hier können Sie Probelesen in einem Buch des Bestseller-Autoren Lars Bill Lundholm.
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Broschiert
Heyne Verlag
Erscheinungsdatum:
Juli 2005
ISBN: 3453431146
Übersetzung:
Ulrike Nolte
Originaltitel: "Södermalmsmorden"
Kurzbeschreibung

In einem Kanal des Stockholmer Viertels Södermalm wir ein aufrecht im Wasser stehender bleicher Mann entdeckt, der aus milchweissen Augenhöhlen an die Oberfläche starrt. Eine schwere Ankerkette an seinem Bein hält ihn unter Wasser. Am Arm trägt er eine auffällige Tätowierung: ein geflügelter Drache. Mit einem Foto des Toten und einem Bild der Tätowierung nimmt Kommissar Axel Hake die Ermittlungen in Södermalm auf, einem Viertel voller schräger Figuren und gescheiterter Existenzen. Bald wird ein Gebrauchtwagenhändler als vermisst gemeldet und seine Frau gibt vor, der Tote sei ihr Mann. Doch all das passt nicht zu den Beobachtungen der skurrilen Lizzi Hammarlund, die das Geschehen am Kanal den ganzen Tag über aus dem Fenster beobachtet. Kann Hake ihr vertrauen? Der Auftakt zu einer großen Stockholm-Krimiserie.

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Leseprobe

KAPITEL 1

Der Mann ging am Pålsund-Kanal entlang und sah leicht fröstelnd auf das dunkle Wasser hinunter. Er fühlte sich unruhig, die Ereignisse der letzten Zeit gefielen ihm gar nicht. Allmählich befürchtete er einen Fehler begangen zu haben. Aber jetzt war es zu spät, um etwas daran zu ändern. Später, wenn die ganze Sache überstanden war, konnte er darüber nachdenken. Auf jeden Fall hatte er sich an seinen Teil des Abkommens gehalten. Niemand konnte Gegenteiliges behaupten. Dennoch fiel es ihm schwer, das unbehagliche Gefühl in der Magengegend zu ignorieren. Er warf einen Blick zurück, sah aber nur das Taxi, mit dem er gekommen war. Es hatte auf der anderen Seite des natürlichen Wasserweges gehalten, der die Insel Långholmen vom übrigen Stockholm trennte, und parkte an der Uferstraße Söder Mälarstrand. Der Fahrer saß im Wagen, zählte sein Geld und hatte die Taxileuchte noch nicht auf »frei« gestellt. Es regnete unaufhörlich, ein dünner, kalter Nieselregen. Seit mehreren Tagen regnete es ohne Unterbrechung, so dass die Ufer des Kanals schlammig waren und das Röhrichtgestrüpp schmutzigbraun über das Wasser hing. An den Stegen lagen noch immer Boote, die an Land geholt werden mussten. Er konnte nicht verstehen, dass die Leute bis zur letzten Minute damit warteten, anstatt sofort nach Saisonschluss alles Nötige zu erledigen. Wie es aussah, konnte der Kanal jeden Moment zufrieren, und dann war es zu spät. Der Mann steckte die Hände tief in die Taschen und ging an einem schön gearbeiteten Boot vorbei, Eichenholz mit weißem Verdeck. Der Eigner hatte es noch nicht einmal für nötig befunden, die Sitzkissen von den Seitenbänken im Heck zu nehmen.Wie konnte man ein Boot so sträflich vernachlässigen? Er hatte fast Lust, an Bord zu steigen und eines der Sitzkissen mitzunehmen. Nur um dem Bootsbesitzer zu zeigen, wie fahrlässig es war, sein Eigentum draußen herumliegen zu lassen.Aber er ging weiter und zog den Gürtel seines Mantels enger. Es war schnell Abend geworden, und der Sprühregen hüllte den Kanal in einen bläulichen Nebel, der ihn erbärmlich frieren ließ. Er sah auf die Uhr. Es war kurz nach neun, und trotz der recht frühen Stunde war kein Mensch in der Nähe. Die großen Weidenbäume, die sich zum Wassersaum hinabneigten, und die dürftige Straßenbeleuchtung trugen wohl ihren Teil dazu bei. Der Kanalhafen war nicht gerade die Gegend, wo junge Damen ihren Hund Gassi führten.Aber er hatte keine Wahl.Hier war der abgesprochene Treffpunkt, und wenn er nicht auftauchte, dann würde auch sein Geld nicht auftauchen. Er bewegte sich von der Brücke fort Richtung Heleneborgs Bootsclub. Schräg über ihm erhob sich die imposante Stahlwölbung der Västerbrücke als dunkler Bogen gegen den gelblichen Himmel. Der Treffpunkt sollte am Kai 22 sein. Ein motorgetriebenes Boot im Pettersson-Stil lag dort vertäut, aus Mahagoniholz und sehr gepflegt. Als er sich dem Anlegeplatz näherte, sah er, dass in der Kajüte Licht brannte. Er blieb stehen und versuchte durch das Fenster ins Innere zu schauen, konnte aber nur einen Rücken sehen. Auf seinen Zuruf bekam er keine Antwort, also ging er auf den Bootssteg, rief noch einmal und stieg dann vorsichtig auf die Schiffsreling und hinunter auf die Seitenbank. Das Boot schwankte ein wenig, und die Person in der Kajüte wandte den Kopf und löschte sofort das Licht. Es wurde stockfinster.Vom Deck aus konnte der Mann nur mit Mühe die Gestalt in der Kajüte ausmachen, die wahrscheinlich einen Schreck bekommen hatte, als er das Boot betrat. Er wollte gerade sagen: »Ich bin es nur«, als ihn ein harter Gegenstand über dem Auge traf. Zuerst glaubte er, dass er ausgerutscht sei, denn der Holzboden kam mit Hochgeschwindigkeit auf ihn zu, und für einen Moment wirkte es, als seien es die Planken, die mitten in seinem Gesicht gelandet waren. Doch gerade als er sich auf alle viere aufrichten und hochschauen wollte, sah er das Metallrohr herabsausen. Er hatte nicht einmal Zeit zu erklären, dass man ihn mit jemand verwechselt haben musste, bevor ihn die Stange am Kopf traf und ihm für alle Zeiten jede Möglichkeit des Protestes nahm. Die traurige Wahrheit ist: Erklärungen sind nur etwas für die Lebenden.

KAPITEL 2

Kommissar Axel Hake stand in der Küche und lehnte sich auf seinen Gehstock. Er hatte breite Schultern, kurz geschnittenes Haar und trug zu seiner Jeans eine Anzugjacke aus grobem Tweed.
»Also, kommst du jetzt?«
Er schaute zu seiner Schwester Julia hinüber, die vor einem Spiegel stand und Ordnung in ihr strubbeliges Haar zu bringen versuchte. Im Gegensatz zu ihrem Bruder sah sie nicht besonders gut aus, aber sie hatte schöne, ironisch funkelnde Augen. Sie selbst fand, dass ihr Gesicht einer Kinderzeichung mit falschen Proportionen glich. Die Nase war knubbelig, die Lippen etwas zu breit, die Wangen rundlich wie ein aufgegangener Kuchenteig. Allerdings bekümmerte so etwas Julia Hake wenig, denn ihre große Passion war das Leben als Veterinärin im Forstgebiet Tullinge, und an Männern hatte es ihr nie gemangelt. Gut aussehende Männer. Mit anderen gab sie sich nicht ab.
»Manche Frauen mögen humorvolle Männer, mächtige Männer oder hochkultivierte Männer. Ich mag meine Männer schön. Mehr ist nicht dabei«, hatte sie einmal leichthin erklärt. Aber heute hatte Hake das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Sie hatte sogar einen alten Lippenstift hervorgekramt, den sie sich auf den Mund schmierte, und grimassierte vor dem Spiegel. Das Rot sah aus wie eine blutende Wunde.

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Leseprobe

»Ich muss Siri in einer Stunde vom Hort abholen, also solltest du dich ein bisschen beeilen«, sagte er und wiegte sich auf seinem Stock. Er war mit einigen Kartons Rotwein zu seiner Schwester hinübergefahren. Diesen Gefallen tat er Julia hin und wieder, vor allem um zu sehen, wie es ihr draußen in ihrer Einsiedlerklause ging. Das Haus lag einsam mitten in einem großen, dunklen Fichtenwald, kein idealer Wohnort für eine alleinstehende Frau, wie er fand. Aber seine Schwester zeigte sich nie beunruhigt. Ganz im Gegenteil. Sie fühlte sich am sichersten, wenn nicht allzu viele Menschen in der Nähe waren. Etwas geistesabwesend hatte sie die Weinkartons entgegengenommen, auf dem Herd abgesetzt, war eine Weile wirr im Haus herumgerannt und hatte Axel Hake überredet, sie mit seinem Auto ein paar Kilometer zu kutschieren. Ihr Landrover hatte einen Platten, und sie hatte keine Zeit, ihn zu reparieren. Sie wechselte mehrmals ihre Garderobe, nur um schließlich ihre alte Jeansjacke anzuziehen. Soweit er sich erinnern konnte, hatte sie sich noch nie so oft im Spiegel betrachtet. Schließlich war sie ausgehfertig, warf einen wirklich allerletzten Blick in den Spiegel, sank ein bisschen in sich zusammen und ging aus dem Haus. Axel Hake folgte ihr mit hinkenden Schritten. Er war nicht gerade ein Invalide, aber er hatte eine Kugel ins Knie bekommen und einen bleibenden Schaden zurückbehalten – nach einer medizinischen Behandlung, die nach Hakes Meinung an Misshandlung grenzte.
»Der Schal!«, rief Julia und lief zurück ins Haus. Hake seufzte und hinkte weiter zu seinem alten, rostigen Citroën. Er setzte sich auf die Motorhaube und ließ seine Blicke umherschweifen. Julia Hakes Tierarztpraxis sah ein bisschen baufällig aus. Das große Wohngebäude war zwar in gutem Zustand, doch die alte Scheune und die Weidezäune um das Gehege machten einen Eindruck von… nicht gerade Vernachlässigung, aber zumindest einem Mangel an Pflege. Julias Erklärung war, dass Tiere keine ästhetischen Präferenzen hätten und dass die Arztpraxis, die vor allem kranke Pferde, Hunde und Kleintiere versorgte, ihre Funktion mehr als erfüllte. Die Tür wurde wieder geöffnet, und Julia kam heraus. Sie trug über ihrer Jeansjacke ein farbenfrohes Tuch um den Hals. Kurz vor Hake blieb sie stehen und blickte ihn direkt an. Die seegrasfarbenen Augen blitzten.
»Na«, fragte sie, »bin ich so okay?« »Du triffst dich doch nur mit so einem Typen aus einer Veganerkommune, richtig?«
»Bin ich okay?«, wiederholte sie scharf. Axel Hake nickte. Sie sah mehr als »okay« aus. Aber er war dennoch beunruhigt. Solange er sich zurückerinnern konnte, hatte sie schöne, charakterlose Männer nach Hause geschleppt … und sie wie Luft behandelt. Das hatte Julia auf gewisse Weise noch interessanter gemacht, denn ihre Liebhaber waren eine solche Gleichgültigkeit nicht gewohnt. Es hatte genug Krach und Streit gegeben, und mehr als einmal hatte Hake dazwischen gehen müssen. Aber er hatte dennoch immer das Gefühl gehabt, dass sie am Ende ohne seelische Kratzer davonkommen würde. Diesmal sah es jedoch so aus, als sei die große Liebe über Julia hereingebrochen. Sie wirkte unsicher und war noch launischer als gewöhnlich. Sie grämte sich darüber, dass sie vielleicht schon zu alt war, um Kinder zu bekommen. Der Mann, dem sie ihr Herz geschenkt hatte, war eigentlich noch ein halber Junge: gerade über zwanzig, von russischer Abstammung und Mitglied einer Veganerkommune, die tatsächlich tiefer im Wald lag als die Tierarztpraxis. Hake kannte ihn bisher nicht und hatte von Julia nur aufschnappen können, dass er blond war und einen glatten, unbehaarten Körper besaß. Als er nach dem Charakter des Jungen fragte, hatte sie ihn verständnislos angesehen und gefragt, was das mit der Sache zu tun haben sollte. Lieber Himmel, der Russe sah schließlich aus wie ein griechischer Gott…


Buchtipp
Camilla Läckberg - Die Schneelöwin

Marianne de Vrie saß in ihrem schicken, historisch wertvollen Haus auf der Insel Långholmen – mitten in Stockholm – und versuchte sich auf den Reiseführer zu konzentrieren, an dem sie gerade arbeitete. Sie hatte eine Reihe gut geschriebener, faktengespickter Bücher herausgegeben, die von einem treuen Leserkreis gekauft wurden. Jetzt befand sie sich allerdings in einer peinlichen Klemme, denn sie litt mit einem Mal unter einer Schreibblockade, und die Worte kamen nicht so, wie sie sollten. Eine Freundin hatte ihr den Rat gegeben, sich nicht zu überanstrengen, sondern im Internet nach Beschreibungen der Orte zu suchen, über die sie berichten wollte. Das hatte Marianne als unmoralisch abgelehnt. Aber nach einem halben Jahr geistiger Dürre hatte sie sich doch ins Netz begeben und vor kurzem eine französische Reisereportage aufgestöbert, die sicherlich kein schwedischer Leser jemals zu Gesicht bekommen würde. Sie hatte den Tag damit verbracht, den Text zu übersetzen, der vom Besuch eines Vogelmarktes in Marrakesch handelte. »Vögel, die im Wüstensand baden« würde sie ihn nennen und für das erste Kapitel ihres Buches benutzen. Aber nach dieser Kopierarbeit fühlte sie sich nervös und unruhig, schämte sich ein bisschen und beschloss, auf einen langen, beruhigenden Spaziergang zu gehen. Marianne blickte auf die herbstliche Landschaft, Laubbäume in brennenden Farben, während sie den Skutskepparvägen entlang wanderte.Mit jedem Schritt fühlte sie, wie die Anspannung nachließ, wie die Schuldgefühle sich aufzulösen begannen. Dennoch warf sie unruhige Blicke in alle Richtungen, sie hatte das Gefühl, als würde ihr jemand über die Schulter schauen. Ein Unsichtbarer stand hinter ihr und ermahnte sie, ihr Publikum nicht hinters Licht zu führen. Sie ging schneller, um das Gefühl loszuwerden, was sich jedoch als Fehler erwies. Schnell war sie so ausgepumpt, dass sie sich am Lattenzaun neben dem Pålsund-Kanal abstützen musste. Zum Wasser hin stand ein Holztor offen, und dahinter liefen Bootstege am Wasser entlang. Sie legte stets Wert darauf, Haltung zu bewahren, niemand sollte sie sehen, während sie nach Atem keuchte. Also trat sie auf den Steg hinaus und schaute seufzend auf die Wellenmuster hinunter. Zuerst glaubte sie, jemand habe sich hinter sie gestellt, um sich im Kanal zu spiegeln. Gleich unter der Wasseroberfläche stand ein Mann in einem Mantel und starrte sie mit leeren Augen an. Erst als sie das schwerelos treibende Haar sah, die milchweißen Augenhöhlen und das entstellte Gesicht, verstand sie, dass es ein Toter war, der dort mehr oder weniger aufrecht im Wasser stand. Zuerst konnte sie nicht begreifen, wie diese Haltung möglich war, doch dann sah sie die Metallkette um sein Bein, die ihn an Ort und Stelle hielt. Und gleich darauf hallte ihr Schrei über den Kanal, fing sich in der gewaltigen Wölbung der Västerbrücke und wurde zu einem Echo, das scheinbar kein Ende mehr nahm. Die Veganerkommune lag auf einer Lichtung, umgeben von idyllisch rauschendem Fichtenwald. Als Haupthaus diente eine große, gelb gestrichene Jugendstilvilla mit drei Etagen. Das typische schwedische »Bellmann-Gelb«, wie Hake irgendwann gelesen hatte. Ein Farbton, mit dem man mehrere Jahrhunderte lang die eleganteren schwedischen Häuser und Gebäude gestrichen hatte.Neben der Villa befanden sich ein paar Schuppen und davor ein grauer VW-Bus. Als er auf den Wendeplatz einschwenkte, fiel sein Blick auf einen älteren Mann, der ihnen entgegenging. Er war um die fünfzig, hatte ein hageres Gesicht, breite buschige Augenbrauen und kastanienbraunes Haar. Hake hatte sich unter dem Leiter der Kommune eine Art Guru-Gestalt vorgestellt, aber dieser Mann ähnelte eher einem Freizeitjäger als einem Philosophen. Julia winkte ihm zu, und der Mann nickte kurz.
»Wie geht es Elina?«, fragte Julia, als sie beide aus dem Citroën gestiegen waren. Der Mann musterte Hake und seinen Gehstock mit einem wachsamen Blick, bevor sich seine Augen auf Julia hefteten.
»Ich glaube, das Fieber hat nachgelassen, aber du solltest sie dir besser mal ansehen.« Julia hatte erzählt, dass die Hündin der Kommune ernsthaft krank geworden war, nachdem sie Junge bekommen hatte. Als Ärztin hatte sie es übernommen, sich um das Tier zu kümmern. Auf diese Weise hatte sie auch ihren neuesten Bettgespielen kennen gelernt.
»Ist Juri da?« Der Mann machte eine Kopfbewegung zum Hauseingang. »Er hält Wache am Krankenbett.« Julia begann förmlich zu strahlen, öffnete den Kofferraum und holte ihre medizinische Ausrüstung heraus.
»Also, ich gehe dann wohl rein«, meinte sie und schaute ihren Bruder an.
»Zehn Minuten höchstens«, sagte Hake. Julia nickte und hastete ins Haus. Der Mann machte einen Schritt auf Hake zu und streckte die Hand aus.
»Gustav Lövenhelm«, stellte er sich vor.
»Axel Hake. Ich bin Julias Bruder.«
»Ach so«, meinte Lövenhelm. »Sie sehen sich nicht sehr ähnlich.« Er musterte Hake ungeniert.
»Tja«, sagte Hake, »unsere Eltern behaupten, wir seien verwandt, aber sicher wissen kann man das ja nie.« Lövenhelm lächelte andeutungsweise, wiegte sich auf den Fußsohlen und machte eine Handbewegung zum Haus hin.
»Wir haben Kräutertee. Bedienen Sie sich einfach, so funktioniert das bei uns in der Kommune.« Hake bedankte sich und ging auf das Haus zu, gerade als zwei junge Frauen angeradelt kamen und vor Lövenhelm stehen blieben.Hake hörte ihn sagen, dass sie Glück hätten, in der Kommune sei gerade Platz. Den Rest bekam er nicht mit, denn in diesem Moment begann sein Handy schrill zu klingeln. Am anderen Ende war Oskar Lidman, sein Kollege bei der Kripo.
»Es gibt Arbeit«, sagte Lidman.
»Wir haben eine Wasserleiche. « Hake ging ins Haus, um Julia zu finden. Er glaubte, sie im zweiten Stock reden zu hören und ging, der Stimme folgend, eine breite Treppe hinauf. In einem der Räume stand Julia vor einem sehr jungen Mann mit blassem, fast albinobleichem Gesicht und leuchtend weißem Haar.
»Ich weiß noch nicht, Julia«, sagte der Junge mit einem slawischen Akzent.
»Ich habe eine Menge zu tun.«
»Bitte, bitte, Liebling«, schmeichelte Julia.Hake gefiel der Ton ihrer Stimme nicht. Sie klang unterwürfig und zuckersüß. Der Junge nahm ihr Gesicht in seine Hände und schaute sie mit einem zufriedenen Ausdruck an. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und schob sie dann brüsk von sich weg. Gleich darauf wandte er sich dem Hund zu, der auf einer Decke lag und an dessen Bauch vier Welpen gekuschelt waren.
»Wie geht es denn nun eigentlich Elina?« Julias Augen hingen noch einige Sekunden an seinem Gesicht, ehe sie zu der Hündin hinunterschaute. In diesem Moment ließ sich Hake in der Tür blicken, so als sei er gerade erst die Treppe herauf gekommen und habe nicht gesehen, was vor sich ging. Juri betrachtete ihn forschend. »Ich muss los, Julia. Oskar Lidman hat angerufen. Ich habe Bereitschaft, und es ist eilig. Die Spurensicherung ist schon am Tatort.«
»Tatort«, wiederholte Juri. »Bist du ein Bulle?«
»Nein«, sagte Axel Hake.
»Ich bin Polizist, und was bist du?« Juri lächelte versonnen und warf einen Seitenblick auf Hakes Schwester.
»Wenn es nach Julia geht, bin ich Fürst Myshkin. Sie wissen schon, aus Dostojewskis Buch.«
»Ein Idiot also.« Julia warf ihm einen vernichtenden Blick zu, aber Juri antwortete nur ruhig:
»Das kann schon sein. Vielleicht bin ich ein Idiot.« Er lächelte Julia zu, und das Lächeln war blendend. Oskar Lidman wartete unten am Pålsund-Kanal. Die Spurensicherung hatte den Bereich abgesperrt, und einige Schaulustige standen herum und versuchten zu sehen, was passiert war. Die Leiche lag hinter einem aufgespannten Tuch, das dafür sorgen sollte, dass die Pressefotografen keine Gelegenheit zu einem Schnappschuss bekamen. Ein Reporter sprach mit Marianne de Vrie, die mit leiser Stimme von ihrem Fund berichtete. Kommissar Axel Hake trat ein paar Schritte vor, um die Person sehen zu können, die auf der Plastikbahre lag. Das Gesicht war grotesk aufgequollen, man konnte die Züge nur mit Mühe erkennen. Die Haare waren rot, aber die Augenfarbe unmöglich zu bestimmen. Fische und anderes Wassergetier hatten die Augäpfel zum größten Teil weggefressen.
»Wissen wir, um wen es sich handelt?«, fragte Hake. Oskar Lidman schüttelte den Kopf und versenkte seine Hände in den Jackentaschen. Er war korpulent, um nicht zu sagen fett, aber wenn es nötig war, bewegte er sich gewandt und schnell. Man konnte leicht erraten, dass Tanzen sein Hobby und seine Passion war, denn seine Schritte wirkten rhythmisch, als folgten sie dem Takt einer Salsa- oder Rumbamelodie.
»Allzu schwer kann das nicht werden, mit dieser Tätowierung. « Hake deutete auf den linken Arm des Mannes, wo ein weißer Flügeldrache in chinesischem Stil vor einem schwarzen Hintergrund schwebte. In einer Ecke des Bildes befand sich die Ziffer zwei und mitten in der Tätowierung ein Viereck, das in zwei farbige Flächen aufgeteilt war – rot und grün – und von einer Art goldener Feuerflamme durchschnitten wurde.Hake hatte noch nie etwas Ähnliches gesehen.
»Es wird schwierig, falls er nicht aus Schweden stammt«, gab Lidman zu bedenken. Die dünne Gestalt von Gerichtsmediziner Brandt kam auf sie zu. Der Mann grüßte mit einem kurzen Nicken. »Ich kann jetzt schon sagen, dass sich der Zeitpunkt des Mordes unmöglich bestimmen lassen wird. Der Mann hat sicher eine gute Woche im Wasser gelegen, und die Wassertemperatur hat in den letzten Tagen sehr geschwankt.«
›Mal wieder typisch‹, dachte Hake. Das bedeutete, dass man eventuelle Verdächtige nicht nach einem Alibi befragen konnte.
»Aber er ist auf jeden Fall ermordet worden«, fuhr Brandt mit seiner heiseren Stimme fort, die wie das Knirschen von trockenem Kies klang.
»Jemand hat ihm mit einem gerundeten Gegenstand auf den Kopf geschlagen, zwei- oder dreimal hintereinander. Ein Eisenrohr oder etwas Ähnliches.«
»Also war er tot, bevor man ihn im Wasser versenkt hat?« Brandt betrachtete Hake mit kaum verborgenem Widerwillen.
»Was glauben denn Sie? Wie Sie selbst sehen können, ist der Schädel so gut wie zertrümmert.«
»Man kann einen Menschen wohl zuerst ertränken und ihm dann den Schädel einschlagen«, konterte Hake ruhig.
»Manchmal kommt es ja vor, dass ein Mörder nicht mit offenen Karten spielt.« Er dachte nicht daran, Brandt einen so billigen Sieg zu gönnen. Ohne ein weiteres Wort wandte sich Brandt um und marschierte Richtung Leichenwagen davon. Hake schaute erneut auf das Mordopfer. Die Kette um den Fuß des Mannes hatte tief ins Fleisch geschnitten, und man sah deutlich den weißen Knochen unter dem Metall. Der an der Kette befestigte Anker bestand aus Stahl und war schwer genug, um einen Körper ohne Weiteres unter Wasser zu halten.

Danke an den Heyne Verlag für die Veröffentlichungserlaubnis.
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