Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
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Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
 
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Interview mit dem Autoren Frode Grytten

Der Schriftsteller Frode Grytten
Frode Grytten

"Ich erfinde keine spektakulären Geschichten, ich sorge mich nur um meine Figuren."

Mit Frode Grytten bereicherte der Zürcher Verlag Nagel & Kimche kürzlich den Markt skandinavischer Krimiautoren um einen spannenden Autor, dessen Roman "Die Raubmöwen besorgen den Rest" sich den herkömmlichen Lesemustern verweigert. Das Literaturportal schwedenkrimi.de sprach mit dem norwegischen Autor darüber.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Robert Bell ist ein ziemlich einzigartiger Charakter in der skandinavischen Krimiliteratur. Er erinnert ein wenig an die Hard-boiled Privatdetektive amerikanischer Schule, aber er bringt es nicht zu Ende. Wie und wann entstand Robert Bell? Hat er irgendwelche Vorbilder, an die Sie bei seiner Entstehung dachten?

Frode Grytten:
Ich habe selbst lange Jaher als Journalist für die Bergens Tidende geschrieben. Ich denke, Robert Bell wurde irgendwann während dieser Zeit geboren. Ich habe diese einsamen Charaktere beobachtet, die in einer kleinen Stadt für eine größere Zeitung arbeiten, aber nicht sehr eng mit der Zeitung verbunden sind, die ihre Kreise ziehen und den Verleger und die Kollegen Runde um Runde umkreisen, wie ein Satellit, der manchmal etwas außer Kontrolle geraten ist. Dann, einige Jahre später, auf einer Reise nach Triest, sah ich dieses bezaubernde Foto zweier Brüder, die die Straße hinuntergingen. Da habe ich wohl zum ersten Mal an die Story gedacht. An zwei Brüder, die im selben Fall ermitteln, jedoch aus zwei verschiedenen Perspektiven, einer als Polizist, der andere als Journalist. Aber eigentlich reicht es noch weiter zurück in die frühe Kindheit. Wenn Morrissey von den Smiths sagte: "Ich wuchs in der Manchaster Public Library in der Krimiabteilung auf", kann ich wohl sagen, dass ich in der Krimiabteilung der Bibliothek von Odda aufwuchs. Dabei war ich nicht mal alt genug, dass ich in die Erwachsenenabteilung durfte, aber ich bin trotzdem gegangen und habe mir all diese Krimis gegriffen und sie mit nach Hause genommen und geradezu verschlungen. Dann erinnere ich mich auch daran, wie ich als 15jähriger in Odda Roman Polanskis "Chinatown" sah. Danach bin ich gleich nach Hause gegangen und habe meine erste große Geschichte über einen Privatdetektiv in Los Angeles geschrieben - Los Angeles natürlich, nicht Odda!

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Robert Bell ist für den Tod eines kleinen Jungen verantwortlich. Auch hier stoppt er auf halbem Weg: Er glaubt, dass Ronaldo in Gefahr ist und nimmt ihn mit zu sich nach Hause, aber dann kümmert er sich doch nicht richtig um ihn. Warum eigentlich? Warum ist Bell so halbherzig?

Frode Grytten:
Ich als Autor möcht eigentlich zu viel darüber spekulieren oder meinen Hauptcharakter zu stark analysieren. Das überlasse ich dem Leser, aber ich finde, dass das eines der interessantesten Rätsel in dem Buch ist. Was treibt den Protagonisten? Ist er ein guter Mann, ein schlechter Mann? Warum strengt er sich nicht mehr an? Aber als Autor finde ich es befriedigender über einen solchen Charakter zu schreiben, als über einen traditionellen Helden. Ich finde ihn komplex und ein wenig ist er wohl ein Außenseiter. Manches an ihm ist anziehend, anderes stößt ab, wie bei vielen Menschen, wie die meisten Dinge im Leben.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Ähnliche Frage, aber anderer Fokus. Alles, was Bell tut oder nicht tut - denn das macht er die meiste Zeit: nichts tun, alles boykottieren - bleibt ohne Konsequenzen. Warum haben Sie sich für so eine Art Anti-Held in einem Anti-Krimi entschieden?

Frode Grytten:
Ich stimme nicht überein, dass keine seiner Handlungen oder Nicht-Handlungen ohne Konsequenzen bleiben. Für mich ist das der Schwachpunkt in Robert Bells Leben, an dem er in die Knie geht. Er verliert es vollständig. Wohin kann er nach diesen schrecklichen Tagen? Es ist sein Niedergang. Also auch, wenn niemand um ihn herum ihn direkt zu Fall bringt, so tut er es doch selbst, und das weiß er.

  Frode Grytten bei schwedenkrimi.de
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Literaturportal schwedenkrimi.de:
Etwas, das Sie mit Ihren skandinavischen Kollegen gemein haben, ist die Gesellschaftskritik. Sie thematisieren Fremdenfeindlichkeit, eine Stadt in der post-industriellen Ära, Arbeitslosigkeit. Aber alles wirkt etwas hoffnungsloser, weil sich Robert Bell allem so verweigert. Ist das die Haltung der Zukunft?

Frode Grytten:
Ich denke, man muss stärker zwischen dem Autor und dem Protagonisten unterscheiden. Ich habe einen starken Glauben daran, dass die Menschen mit Fremdenfeindlichkeit, post-industriellen Problemen, Arbeitslosigkeit usw. fertig werden können. Aber dieses Mal fand ich es interessanter, die Welt durch die Augen eines Mannes zu sehen, der fällt. Das bleiche Bild einer Gesellschaft in Schwierigkeiten zu zeigen durch die Augen eines Mannes, der selbst in Schwierigkeiten steckt. Ich denke immer noch, dass es eine große Portion Humanismus in Robert Bell gibt. Er will das Richtige, aber er scheitert. Er ist nicht fähig, es zu tun, wie so viele von uns. Ich versuche zu zeigen, wie verletzlich Menschen sind und welche Kräfte versuchen, sie zu verletzen.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Was mögen Sie am meisten an Robert Bell, was hassen Sie?

Frode Grytten:
Ich mag das meiste an Robert Bell. Er ist eine ehrliche Haut und er will das Richtige tun, aber irgendwie beginnt er dann genau das Gegenteil zu tun. Darin ähnelt er uns doch sehr oder nicht?


Buchtipp
Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
Literaturportal schwedenkrimi.de:
Was war denn zuerst da? Die Geschichte, der Platz oder der Charakter?

Frode Grytten:
Jemand sagte einmal, dass sich nichts im Niemandsland zuträgt. Das gilt auch für mich. Ich schreibe über meine eigene Geographie, meine Heimatstadt. Über die eigene Geographie zu schreiben, macht dich frei, du kannst lügen, dass sich die Balken biegen, aber es ist immer noch wahr, wohingegen alles, was du über einen anderen Platz schreibst, als Lüge entlarvt werden wird. Und in dieser Geographie tauchen dann hoffentlich ein paar gute Figuren auf, die Gutes tun, Schlechtes tun und wenn du sie zum Bewegen kriegst, ergibt sich hoffentlich eine gute Geschichte. Aber, wie Sie sehen können, bin ich nicht wirklich ein ‚Plot-Man'. Ich erfinde keine spektakulären Geschichten, ich sorge mich nur um meine Figuren, bin neugierig, wie sie sich in dieser Geographie verhalten werden.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Inwieweit beeinflusst Odda Ihr Schreiben und die Geschichte?

Frode Grytten:
Ich denke, die Stadt beeinflusst mein Schreiben tiefgreifend. Wenn ich über meine Heimatstadt schreibe, ist es ein wenig wie die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft zu entdecken. Die Stadt steckt in meiner Sprache, meiner Art zu denken, in meinem Humor, meiner Melancholie, in meiner Sicht auf die Welt. Ich kann davor davon laufen, aber das würde nichts nützen. Ich muss damit fertig werden. Es in einem Satz auf ein weißes Blatt Papier bannen.

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Der Titel
von Frode Grytten
"Die Raubmöwen besorgen den Rest"
Literaturportal schwedenkrimi.de:
Wann waren Sie zuletzt in Odda? Sind Sie noch oft dort?

Frode Grytten:
Ich werde morgen dorthin reisen. Ich lebe jetzt in Bergen, habe hier gelebt, seitdem ich 18 war, aber meine Eltern leben noch immer in Odda. Ich versuche sie so oft wie möglich zu besuchen.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Welche literarischen Vorbilder haben Sie? Wer hat Sie inspiriert?

Frode Grytten:
Meine erste große Liebe als Leser waren Raymond Chandler und Dashiell Hammett sowie Sjöwall/Wahlöö. Sie brachten mich dazu, Lesen zu lieben. So ging das immer weiter. Am meisten habe ich zu Beginn amerikanische Literatur gelesen, später dann Gedichte. Ich mag Gedichte sehr, kann aber keine schreiben. Ich mag lange Geschichten, kann aber keine selber schreiben. Ich mag Shortstorys und werde mich jetzt zurückziehen, um 11 davon zu schreiben. Ich freu mich wirklich darauf, sie zu schreiben, sie sind schon so lange in meinem Kopf gewesen. Zeit, sie aufzuschreiben.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Wird es weitere Geschichten mit Robert Bell geben?

Frode Grytten:
Nein. Robert Bell kehrt auf der letzten Seite des Buches zu seinem Auto zurück und fährt aus der Geschichte heraus.

Literaturportal schwedenkrimi.de:
Herr Grytten, wir danken für ein sehr interessantes und aufschlussreiches Gespräch.

Autorin:
Alexandra Hagenguth/ KONTEXTE - Wissensportal für Text, PR, skandinavische Sprachen und Literaturen
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