Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
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Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
 
Arne Dahl - Sieben minus eins
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"Rabennächte" von Annika Bryn

Wenn die Existenz bedroht ist
Wie kann man ins Leben zurück gelangen, wenn man erst einmal aus der Bahn geworfen ist?

Annika Bryn konfrontiert uns in „Rabennächte“, ihrem dritten Krimi um Margareta Davidsson, mit einer Kommissarin in der Krise. Wie kann man ins Leben zurück gelangen, wenn man erst einmal aus der Bahn geworfen ist? lautet die zentrale Frage des Romans, der sich nicht nur Margareta stellen muss.
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Kurt Wallander hat sie gehabt, seine norwegische Kollegin Hanne Wilhelmsen auch und nun also Margareta Davidsson – eine Lebenskrise. Wie ihre beiden Kollegen schickt auch Annika Bryn ihre Protagonistin in dieser Situation ins „Exil“: Nicht nach Dänemark, auch nicht nach Verona, sondern auf die schwedische Insel Gotland, die angesichts Margaretas existentieller Krise zur Metapher für deren innerer und äußerer Isolation wird. Zum Zeitpunkt ihrer Reise befindet sich ihre „Psyche in einer seltsamen Wartehaltung (…) In einem Vakuum, aus dem sie sich kaum befreien (kann).“ Auf der Arbeit war „sie demonstrativ energisch die Korridore entlanggeeilt“, bis ihr Chef sie schließlich zwingt, ein paar Wochen Urlaub zu nehmen. So landet Margareta also auf Gotland, wo sie im wahrsten Sinn des Wortes über eine Frauenleiche stolpert, die direkt neben ihrem – von John Danielsson aus dem ersten und zweiten Roman – gemieteten Sommerhaus in Buttle abgelegt wurde.

Wermutstropfen Krimiplot

Als ob das nicht schon genug wäre, erkennt Margareta in der Leiche die junge Frau wieder, die ihr bereits am Fährhafen von Nynäshamn aufgefallen war. Ängstlich und nervös hatte diese einen LKW beobachtet. Das weckt bei der zwar angeschlagenen, aber erfahrenen Kommissarin alle Instinkte und so sichert sie gleich noch an Bord Spuren, indem sie vom unteren Ende des einen Türflügels des LKW einen roten Fleck, der wie Blut aussieht, abkratzt und sich das Autokennzeichen des LKW notiert. Als sie dann die junge Frau ermordet – erwürgt und vergewaltigt – auffindet, teilt Margareta ihren Verdacht gleich dem die Ermittlungen leitenden Kommissar Stefan mit, doch dem sind Margaretas Beobachtungen und Ahnungen zu vage, als dass er Frank Behlin, den LKW-Fahrer, ernsthaft aus dem Verkehr ziehen oder beobachten könnte. Also beginnt Margareta auf eigene Faust zu ermitteln und wird bald darauf überfallen und mit einem Messer angegriffen. Doch natürlich lässt Margareta nicht locker, ermittelt weiter, trifft den zwielichtigen Kent wieder, geht dem Mörder in die Falle, kann sich und andere jedoch retten und den Fall schließlich aufklären … Puh! Zur Ruhe kommen weder Margareta noch der Leser.

Wie schon in „Tatmotiv: unbekannt“ und vor allem in „Die sechste Nacht“ geht es bei Annika Bryn sehr actionreich her und, wie insbesondere in ihrem zweiten Roman, besteht der – einzige – Wermutstropfen darin, dass der Plot zu konstruiert wirkt. Dass Margareta auf ein bloßes Gefühl hin Spuren am LKW sichert, dann selbst die Leiche findet, in dieser die Frau vom Hafen erkennt und schließlich den Schlüssel zu gleich zwei Geschichten (parallel zum Kriminalfall erzählt Annika Bryn die Geschichte von Ida, die 1862 im Alter von nur 14 Jahren in Buttle auf Gotland gestorben ist) in den Händen hält, ist ein bisschen zu viel des Zufalls und wirkt zu künstlich.

Warum tun wir, was wir tun?

Das ist wirklich schade, denn Annika Bryn ist eine Autorin, die wichtige Dinge über uns und die Gesellschaft, in der wir leben, zu erzählen hat und die sich in unterschiedliche Charaktere einfühlen kann. Sei es nun in die taffe, aber angeschlagene Witwe Margareta, die ambivalente Gefühle für Kent hegt, nicht weiß, wie sie mit dem Verhältnis mit Kalle, ihrem jüngeren Kollegen, umgehen soll und ihrer plötzlichen, fast schon pubertären Verliebtheit zum gotländischen Kollegen Stefan oder die junge, magersüchtige Katrine – stets trifft Annika Bryn die richtige Tonlage, wählt die richtigen Worte. Ihre Charakterstudien gehören zu den besten, die die schwedische Kriminalliteratur gegenwärtig zu bieten hat. Anhand ihrer geht Annika Bryn den Fragen nach, die, laut Aussage der Autorin, Triebfeder ihrer schriftstellerischen und journalistischen Tätigkeit sind: Wie und warum entstehen Konflikte? Was macht Gewalt mit uns, wie beeinflusst sie uns? Warum tun wir, was wir tun?

Soziales Erbe und Eigenverantwortung

Beispielhaft durchgeführt wird dies anhand von Idas Familiengeschichte, die bis in die Gegenwart hineinreicht und im Zusammenhang mit dem aktuellen Mordfall steht. Sie zeigt, wie ein soziales Erbe von Generation zu Generation weitergegeben wird. Das bedeutet aber keinen Freispruch für die Schuldigen, denn jeder Einzelne hat die Möglichkeit, sein Leben selbst zu gestalten, Muster zu durchbrechen, denn es ist weniger ein soziales als „vor allem (…) ein Muster von Entscheidungen.“ Nicht jeder mit einer „schweren Kindheit“ darf also auf Absolution hoffen, sie als Entschuldigung für alle erdenklichen Grausamkeiten missbrauchen. Es bleibt in der Verantwortung eines jeden einzelnen Individuums, sich ein (erstrebenswertes) Ziel zu setzen. Das illustriert Annika Bryn an Ernst, einem alkoholkranken Lokalpolitiker, der ins Visier der Fahnder gerät, und der Journalistin Cecilia Bredford, die, um ihrer selbst willen, mit ihrem Bruder gebrochen hat. Sich gegen das soziale Erbe – und damit gegen die eigene Familie – zu entscheiden, erfordert also hier wie dort persönliche Opfer, bringt aber auch Liebe und Glück – so Annika Bryns Formel. Denn schließlich liegt der Ursprung allen Übels – und der des „Monsters von Gotland“ – in mangelnder, zurückgewiesener, nicht erwiderter oder nicht gefundener Liebe, vor allem der Mutterliebe. Das klingt sozialromantisch und rückwärtsgewandt, und wird höchstens dadurch relativiert, dass Margaretas Krise denselben Ursprung hat: den Verlust ihres Mannes vor sechs Jahren und die Erkenntnis, dass sie, nachdem sie am Ende von „Tatmotiv: unbekannt“ angeschossen wurde, ebenso gut hätte tot sein können.

Wie kann man zurück gelangen, wenn man erst einmal aus der Bahn geworfen ist?

Diese Einsicht wirft sie so sehr aus der Bahn, dass sie im Prinzip zwangsbeurlaubt wird. Sie selbst formuliert das zu Beginn: „Alles dreht sich um das Gleichgewicht (…) Gleichgewicht, Erinnerung und Gefühle. Was man in die Hand gelegt bekommt, die man der Welt entgegenstreckt. Was man selbst geben darf. Ein liebevoller Blick, der nicht mehr da ist, eine Stimme, die verstummt ist und nicht mehr antwortet. Wie kann man zurück gelangen, wenn man erst einmal aus der Bahn geworfen ist? Wenn der Rhythmus und die Kette gebrochen sind? Wenn jede Wahl, die man trifft, falsch ist, weil man die Richtung verloren hat und alles Selbstverständliche sich außer Reichweite zu befinden scheint?“ Damit schließt sich der Kreis, denn Margareta ist letztlich demselben existentiellen Konflikt ausgesetzt wie die Protagonisten – die mordenden wie die nicht-mordenden.

Ende offen

Das Ende ist ambivalent. Einerseits fühlt sich Margareta nicht mehr ruhelos, hat „einen Endpunkt erreicht“, andererseits weiß sie nicht, wie oder ob es überhaupt mit Kalle und ihr weitergehen wird und „wartet darauf, dass sich irgendwo eine Tür zu ihrem Leben öffnet.“ Es sind diese gefühlvollen Charakterdarstellungen und Reflexionen, die „Rabennächte“ trotz konzeptioneller Schwäche beim Plot lesenswert machen und Annika Bryn aus der Masse der skandinavischen Krimis hervorhebt.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© September 2007 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Rabennächte" von Annika Bryn

Muster von Entscheidungen

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"Die Stille, die sie umgab, schlug in Totenstille um. Es war, als hätte der Wald, das Leben selbst, höhnisch die Faust ausgestreckt und ihr direkt ins Gesicht geschlagen. Sie sah sich schnell um, entdeckte niemanden, eilte zum Zaun, hob die weiten Beine der Trainingshose hoch, um nicht hängen zu bleiben, kletterte auf die andere Seite und ging neben dem Körper in die Hocke. Es war eine Frau. Sie lag bäuchlings in einer flachen Senke zwischen zwei kantigen Steinen, bewachsen mit Flechten und Moos. Ein Arm lag unter ihrem Körper, der andere leicht angewinkelt neben ihrem Kopf. Das blonde Haar lag dicht am Kopf an."

Kriminalkommissarin Margareta Davidsson ist in der Krise. Noch nicht ganz erholt von einer schweren Schußverletzung wird sie gedrängt Urlaub zu nehmen. Sie erhält das Angebot, auf der Insel Gotland in einem Ferienhaus in Buttle zu wohnen. Sie nimmt an. Sie ist 45 Jahre alt und hat schmerzhaft erfahren müssen, dass das Leben endlich ist und sie nicht wichtiger für die Welt ist, als ein zusammengeknüllter Zettel im Papierkorb. Es war, als wäre ihr Leben in kleine Puzzlestücke zerfallen, die nur sie selbst wieder zusammensetzen konnte. Auf der Fahrt nach Gotland, im Fährhafen, fallen ihr eine nervöse junge Frau und ein LKW Fahrer auf. Sie ahnt nicht, dass sie diese junge Frau ein paar Stunden später tot hinter ihrem Sommerhaus finden würde und in einen Strudel aus tödlichen Geheimnissen gezogen wird. Die junge Frau wurde erwürgt, vorher aber schwer mißhandelt und vergewaltigt.


Buchtipp
Camilla Läckberg - Die Schneelöwin
Annika Bryn beschreibt ihre Kommissarin in einer Krise. Nicht nur, dass Davidsson mit diesem Fall zu tun hat, an dem sie offiziell gar nicht mitwirken darf, hat sie auch mit persönlichen Problemen zu kämpfen. Sie weiß nicht, wie sie mit dem Verhältnis zu Kalle, ihrem jüngeren Kollegen, umgehen soll. Dann gibt es noch Kent Johansson, der ihr damals, als sie angeschossen wurde, das Leben gerettet hatte. Er hatte den Blutstrom gestoppt, der durch das Einschußloch in der Seite geströmt ist. Zu Kent fühlt sie sich seltsamerweise hingezogen, hat ihm gegenüber aber ambivalente Gefühle. Vor allem da sie weiß, dass er selbst zu einem Mörder geworden ist. Und sie weiß, dass Kent starke Gefühle ihr gegenüber hegt. Plötzlich taucht Kent ebenfalls auf Gotland auf und bietet ihr seine Hilfe an. Und zu allem Überfluß verliebt sie sich noch in einen Kollegen der Kriminalpolizei auf Gotland, Stefan. Ein verheirateter Mann. Ein Gefühlschaos, aus dem sie zu entkommen versucht, indem sie sich insgeheim an den Ermittlungen beteiligt. Auch aus einem Schuldgefühl heraus, da sie, obwohl sie einen Verdacht hatte, die Frau im Fährhafen nicht befragte. Und in ihrem Wesen liegt es, Verantwortung für alle übernehmen zu wollen. Als ein Mordanschlag auf sie verübt wird und sie dieser Messerattacke nur mit knapper Not entkommen kann, ist Margareta noch tiefer in diesen Fall verstrickt.

Ihr Verdacht richtet sich gegen den Lkw Fahrer, den sie im Fährhafen beobachtet hatte, als die junge Frau sie durch ihr Verhalten auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Aber sie kann sich keinen Reim auf die Geschichte machen. Vor allem, da die Polizei auf Gotland nach einem ersten Verhör den LKW Fahrer nicht weiter verdächtigt. Sie aber hatte das Gefühl, dass dieser Mann ein Mensch ist, bei dem Mißtrauen und Aggressivität unter der Oberfläche lauerten, jeder Zeit bereit hervorzubrechen, weil er schon lange nicht mehr das Gefühl hatte, sich für irgendetwas rechtfertigen zu müssen. Er sah lebensgefährlich aus.

Annika Bryn webt in diese Geschichte das Schicksal eines jungen Mädchen ein, Ida, das vor 140 Jahren ebenfalls in Buttle gelebt und dort im Alter von 14 Jahren verstorben ist. Und wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt, fing mit ihr eine Kette von Ereignissen an, die schließlich dazu führten, dass ein Monster auf Gotland wütet. "Beginnen Sie ein Muster zu erkennen?" "Ich weiß nicht. Ein soziales Erbe?" "Aber natürlich, das ist der Grund. Aber vor allem ist es ein Muster von Entscheidungen. Jede Generation hat verrückte, herzlose, tragische Entscheidungen getroffen. Alle haben sie ihre Chancen gehabt und sie zerstört, weil sie ihr Ziel verloren, weil sie das Wesentliche nicht erkannt haben, und das haben sie weitergegeben an ihre Kinder. Zu irgendeinem Zeitpunkt verschwanden Glück und Ziel."

Bryn hält sich in der Schilderung des Verhältnisses zwischen der Kommissarin vom Festland und den zuständigen Polizisten auf Gotland etwas zu sehr am Klischee fest. Das hat man schon oft gelesen, dass auf der einen Seite die Polizisten aus der Provinz ihre Ermittlungen nicht richtig führen, aber die Kommissarin aus der Hauptstadt, gleich die richtige Spur hat. Dies fällt etwas zu schwarz weiß aus. Auch das Versatzstück mit der unglücklichen Liebe zu Stefan, dem Kollegen aus Gotland, stört da nur ein wenig. Trotzdem hält Bryn den Spannungsbogen bis zum fulminanten Ende, wenn man erfährt, was ein Raubmord auf dem Festland mit diesem Fall zu tun hat und was der LKW Fahrer im Laderaum transportiert. Und wie die Kriminalkommissarin Margareta Davidsson kann einen Trauer und Verzweiflung packen. So sah die Welt aus. Sieht so die Welt aus?

Vielen Dank an Jürgen Ruckh aus Esslingen
© August 2007 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Tatmotiv: unbekannt" von Annika Bryn

Gefangen im verschlossenen Raum
Tatmotiv: unbekannt" überzeugt mit seinen Charakteren, enttäuscht aber bei der Mordintrige.
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Margareta Davidsson, Chefermittlerin in Stockholm, geht in die zweite Runde. Dieses Mal in Rosenbad, dem Sitz diverser schwedischer Ministerien. Hier wird Beatrice Chiquin, eine enge Mitarbeiterin der Justizministerin Karin Landberg, schwer verletzt in den Räumen der Ministerin aufgefunden. Der Tatort ist also an Brisanz kaum zu überbieten. Strukturell dagegen bewegt sich Anniky Bryn in der Tradition des klassischen "Whodunit"-Krimis, auf dessen Verrätselungsmotiv des geschlossenen Raumes die Autorin selbst mehrfach anspielt. Das Dilemma einen in Stil und Struktur antiquierten Krimi abzuliefern, kompensiert Annika Bryn aber dadurch, dass sie die Geschichten der Protagonisten Margareta, Kent und John in "Tatmotiv: unbekannt" weiterspannt. Die Charaktere, allen voran Kent, entwickeln sich, gewinnen an Schärfe und Tiefe. Schritt für Schritt mit den Protagonisten dringt man in tiefere Persönlichkeitsschichten vor, und insbesondere Kent hat mit seinen Dämonen aus der Vergangenheit zu kämpfen. Gerade weil Kent nicht eindeutig gut oder böse ist, finde ich ihn den interessantesten und spannendsten Charakter.

Wie Macht verändert

Allerdings kann man Annika Bryn die Fortführung der Geschichten aus "Die sechste Nacht" auch als Schwachpunkt anlasten. Denn dass John, der in dem Vorgängerkrimi zusammen mit dem Undercoveragenten Kent von einer Nazibande entführt wurde, nun wieder ins Spiel kommt, weil er natürlich die Justizministerin kennt, kann auch unter die Rubrik "an den Haaren herbeigezogen" fallen. Das gilt auch für Andreas, der der Nazibande angehörte, jetzt einsitzt und John schließlich den entscheidenden Tipp gibt. So knirscht und knackt es an einigen Stellen, weil sich nicht alles flüssig und logisch in den Krimiplot integrieren will, dabei sind Margareta und Kent durchaus interessante Charaktere mit noch mehr Potential, was für folgende Krimis hoffen lässt - mit John kann ich persönlich aufgrund seiner fiktiven Vita weniger anfangen. Dazwischen immer wieder Reflexionen zum Mord an Anna Lindh und dazu, welche Kompromisse notwendig sind, um an die Macht zu kommen, um "etwas" in der Gesellschaft zu verändern - und wie man sich selbst dabei verändert oder verändert wird.

Die Intrige misslingt

Der Tatort bietet Annika Bryn die Gelegenheit, vielfältige Motive vor politischer Kulisse zu diskutieren. Das reicht von Fremdenfeindlichkeit - Beatrice Chiquin ist Mayaindianerin aus Guatemala - bis Homophobie, doch alles steht und fällt mit der Lösung des Problems des Mordes in einem geschlossenen, geradezu hermetisch abgeriegelten Raum lösen. Das gelingt nicht, ohne den Mörder aus dem Innern des Ministeriums zu holen, was ja nicht so schlimm wäre. Das Motiv allerdings kann je nach Geschmack sowohl unter - wohlwollend - "klassisches Krimimotiv" als auch "an den Haaren herbeigezogen" eingeordnet werden. Hier zeigt sich ganz deutlich das Problem des klassischen "Whodunit": Die Frage nach dem Wer ist wichtiger als nach dem Warum, aber wir sind schon viel zu sehr von den hervorragenden Krimiautoren Skandinaviens verwöhnt, als dass wir auf ein solches Ende nicht doch enttäuscht reagierten. Das ist schade, denn "Tatmotiv: unbekannt" fängt ambitioniert und viel versprechend an, und die Charaktere tragen. Alles in allem also eine ambivalente Fortsetzung mit Protagonisten, auf deren weitere Entwicklung ich mit Spannung warte, aber auch mit einem Krimiplot, der als zu weit hergeholt und platt aufgefasst werden kann. Damit ist "Tatmotiv: unbekannt" also kein durch und durch schlechter Krimi, löst aber als Fortsetzung zu "Die sechste Nacht" nicht alle Versprechen seines Vorgängers ein.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© Mai 2006 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien

"Die sechste Nacht" von Annika Bryn

Eine Frage des Vertrauens
Stockholm wird von einer Mordserie erschüttert. Die Polizei tappt scheinbar im Dunkeln. Schlimmer noch: Kann man seinen eigenen Leuten eigentlich trauen?
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Wer ist Kent? Diese Frage stellt sich am Ende der Geschichte nicht nur Margareta Davidsson, Mitglied der Fahndungsgruppe, die eine Mordserie an prominenten Anti-Rassisten und Nazi-Gegnern aufklären soll. Auch der entführte Rechtsanwalt mit Guerilla-Vergangenheit in Afrika, John Danielsson, traut Kent, dem Polizei-Spitzel, dem es schließlich gelingt, sich in das Hauptquartier der radikal-nationalistischen Gruppe, die hinter Johns Entführung und den Morden steht, einzuschleusen, nicht. Welches Spiel Kent wirklich spielt, erfährt auch der Leser erst ganz zum Schluss, und selbst dann weiß er immer noch nicht so richtig, was er von diesem Kent halten soll.

Zwielichtig, undurchdringlich, machtvoll - Die Verlockung des Bösen

Mit Kent, dem vierundvierzigjährigen, durchtrainierten Polizisten mit zweifelhafter Vergangenheit, furchigem und verlebtem Gesicht, zerschlissenen Jeans, gefährlichen und misstrauischen Augen, der obligatorischen Zigarette im Mundwinkel und der Kalaschnikow in der Sporttasche, ist Annika Bryn die vielleicht interessanteste Figur gelungen. Kent bleibt auch für den Leser bis zum Schluss zwielichtig, obwohl dieser sowohl gegenüber der Polizei als auch der rechtsradikalen Organisation um Malmberg und dem entführten John, der seine ganz eigenen Pläne zur Flucht schmiedet, immer einen hauchdünnen Wissensvorsprung hat. Kent umgibt eine Aura der Undurchdringlichkeit, des Zweifelhaften und Verdächtigen, was in antagonistischer Spannung zu dem Verlangen steht, sich diesem mutigen Vertreter des Gesetzes, des Rechts und der Ordnung, der sich in die Höhle des Löwen begibt, anzuvertrauen. Ja, darauf zu vertrauen, dass er Malmberg und seiner rassistisch-nationalistischen Organisation rechtzeitig das Handwerk legen kann. Gleichzeitig ist es die selbstverständliche, männliche Machtpose, die ebenso verlockend wie abstoßend ist.

Freund oder Feind? Die Grenzen verschwimmen.

  Annika Bryn bei schwedenkrimi.de
Biografie
Autoreninterview
Buchvorstellung
Rezensionen
Leseprobe

Undurchsichtig wie der Schluss - zumindest in Bezug auf die charakterliche Integrität der Protagonisten John und Kent - gestaltet sich zunächst auch die Jagd nach dem Mörder für die Polizei. Innerhalb einer Woche geschehen in Stockholm vier Morde. Alle Opfer waren, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, im Widerstand gegen den Rechtsextremismus aktiv. Die Polizei fahndet fieberhaft nach einem verrückten Einzelkämpfer, doch die Zeit läuft ihr davon und der Mediendruck verstärkt sich täglich.

Und steckt hinter den Morden wirklich ein Einzelkämpfer oder nicht doch eher eine Organisation? Und wenn es sich um eine Organisation handelt, welche? Offensichtlich keine der bekannten. Hat sich unbemerkt von der Polizei eine neue Organisation gegründet? Wenn ja, wer ist der Kopf dahinter, wer die Spinne im Netz? Das Team um Chefermittler Alberg entschließt sich, Kent als Polizei-Spitzel in die Szene einzuschleusen. Doch nicht alle trauen ihm. Was steckt hinter Kents plötzlicher Versetzung von Göteborg zur Stockholmer Polizei?

Zur gleichen Zeit verschwinden das Anwaltsehepaar Danielsson und dessen dreizehnjährige Tochter Miriam spurlos. Sind sie vielleicht nur zu einem spontanen Urlaub aufgebrochen oder ist ihnen etwas zugestoßen? Stehen die beiden Fälle in einem Zusammenhang und was für ein Mensch ist dieser John - eigentlich?

Die eigene Familiengeschichte als Grundlage

In ihrem Debütroman "Die sechste Nacht" aus dem Jahr 2003 verwebt Annika Bryn, die in Stockholm als Journalistin lebt, geschickt die Elemente eines Krimis mit denen eines Action- und Psychothrillers. Die ganze Geschichte spielt in nur einer, überaus hektischen Woche an so unterschiedlichen Schauplätzen wie dem belebten Stockholm oder dem unwegsamen, menschenleeren Norrland. Annika Bryns Familiengeschichte hat dabei unübersehbar im Hintergrund Pate gestanden für den Plot.

Das Schiff ihres norwegischen Großvaters wurde von den Nazis bombardiert und sank. Unter den Toten Annika Bryns Großvater. Der Vater geht daraufhin in den Untergrund, schließt sich der norwegischen Widerstandsbewegung an, flieht nach Schweden und lernt dort schließlich Annikas Mutter kennen. Kein Wunder also, dass sich "Die sechste Nacht" auch wie eine Abhandlung liest, die der Frage nachgeht, was die Gewalt mit uns macht; wie sie unsere Identität beeinflusst, die Liebe, und was mit uns und unseren moralischen Grundsätzen geschieht, wenn wir plötzlich die Gelegenheit haben, unsere Folterer selbst zu richten.

Spannendes Debüt

Insbesondere das Spiel mit doppelten Identitäten und die Frage, wer der Mensch, mit dem man verheiratet ist oder mit dem man zufällig zusammenarbeitet, eigentlich ist und ob man ihm vertrauen kann, bildet somit den sozusagen humanistischen Kern des Romans. Herausgekommen ist dabei ein überaus spannender Thriller mit Nervenkitzel-Faktor 10, der Lust auf mehr macht, dessen zugrunde liegende Idee aber noch besser hätte herausgearbeitet werden können, wenn Annika Bryn auf das ein oder andere ausufernde, erzählerische Element verzichtet hätte.

Vielen Dank an Alexandra Hagenguth
© Mai 2005 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien
© 2001 - 2016 Literaturportal schwedenkrimi.de - Krimikultur Skandinavien
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